A Place Without Its People

Wenn ich an der 700 South Blackbird Roost, APT 20 am Abend jeweils an meinem Fenster sass und meine Kellogs Special K Flakes crunchte, wünschte ich mir manchmal eine bessere Aussicht als das eher triste Bild, das sich mir da vor meinem Fenster bot. Alles, was ich von meinem Zimmer aus sah, war der Pine View Village Parkplatz, die graue Rückwand einer Auto-Werkstatt, eine Tanne und das gelb leuchtende „Travel Inn“-Signet, das etwas Farbe in den eintönigen Ausblick brachte. Irgendwann einmal werde ich als Tourist nach Flagstaff zurückkommen, dachte ich mir, und dann werde ich in diesem sympatisch gelben Travel Inn absteigen und herausfinden, ob die Aussicht von dort drüben besser ist. Und jetzt sitze ich „dort drüben“ am Fenster, im zweiten Stock des gelben Travel Inns, und schaue aus dem Fenster. Die Aussicht ist ganz ok. Ich sehe die vier Spuren der Route 66, die zwischen hier und meinem ehemaligen Zimmer durchbrausen. Ich sehe die ewig langen Güterzüge, die hinter der Pine View Village durchrattern. Ich sehe den waldigen Hügel hinter den Gleisen, auf dem das Lowell Observatory steht (von wo aus man 1930 den Pluto entdeckt hat). Ich sehe den wie immer strahlend blauen Himmel und den Humphreys Peak, der auch ohne weisse Schneespitze schön und friedlich 3000 Meter hoch in den Himmel ragt. Ich sehe Flagstaff, wie ich es kennen und schätzen gelernt habe, und ich bin glücklich, nach meiner langen Reise wieder hier angekommen zu sein. Ich habe manchmal den Eindruck, als sei ich wieder zu Hause, als sei alles vorbei, als sei ich dort, wo ich hingehöre. Das ist ein gutes Gefühl. Es macht mich ein wenig stolz, dass ich mich hier in dieser gewöhnlichen amerikanischen Kleinstadt so gut einleben konnte. Es ist aber auch ein komisches Gefühl, wieder hier zu sein, an dem Ort, den ich so gut kenne, ohne all die Menschen, die ich kannte. All meine „Flaggstaffians“ sind weg. Es ist niemand mehr hier von meinen Mit-Studenten, vom international team oder von meiner Basketball Truppe. Sie sind alle weg, zurück in Australien, der Schweiz, England, oder über den summer break bei ihren Eltern irgendwo sonst in den USA. Flagstaff im Juni ist für mich ein „place without its people“. Und es lässt mich spüren, dass es wohl nicht Orte sind, die einem „Heimat“ vermitteln, sonder Menschen. Und so freue ich mich, in gut fünf Wochen zu euch zurückzureisen, dorthin, wo ich zuhause bin.

Mein Zimmer im Travel Inn habe ich in den vergangenen zwei Tagen in eine faktische Lagerhalle „umdekoriert“, mit all meinem Stuff, der sich bis hierhin in meinem Subaru angesammelt hat. Eine grosse Plastikkiste voller Kleider, zwei Laptops, 28 Kilo Bücher, zwei Dutzend CDs, eine Gschänkli-Tasche, mein Camping-Equipment, meine „Küche-Im-Sack“, meine Schuschachtel-Papeterie, meine Nostalgie-Box, meine Kamera-Ausrüstung, mein Wöschsack und meine Quarter-Sammlung (die ist inzwischen übrigens komplett!). Einmal mehr staune ich darüber, was sich in einem Kofferraum alles ansammeln kann, auch wenn man sich Mühe gibt, möglichst nichts anzusammeln. Und so sitze ich hier, umgeben von all dem „Stuff“, der bis vorgestern im Subaru stapelte. Der Stuff ist mir geblieben, der Subaru nicht. Ich habe ihn heute Nachmittag nach acht treuen Monaten und weit über 20’000 klapprigen Meilen verkauft.

Der Entscheid, den Subaru in Flagstaff loszuwerden und von hier aus den letzten Abschnitt meiner Reise per Mietauto anzutreten, fiel mir nach den letzten paar Wochen nicht sehr schwer. Die Probleme mit dem Getriebe scheinen sich während den letzten paar Roadtrip-Tagen noch einmal deutlich verschlimmert zu haben. Insbesondere auf den Passstrassen in den Rocky Mountains machte mir der Subaru deutlich, dass er wohl nicht mehr lange kann und dass ich ihn besser frühzeitig in den Ruhestand schicke. Das schüttelnde und ratternde Auto hat mir stellenweise fast leid getan. Und meine Erinnerungen an die Abschleppaktion mitten in der Wüste Arizonas im letzten Dezember mahnten mich, dass ich bezüglich meinem Subaru besser den „safe way“ wähle. Mit dem leeren und blank geputzten Subaru fuhr ich heute Nachmittag zu Gus, jenem Dealer, bei dem ich meinen japanischen Freund im November gekauft hatte. Ich hatte Mühe, die Pokerface-Verhandlungs-Rolle zu spielen, weil ich ganz genau wusste: wenn Gus das Auto testfährt und merkt, wie stark alles schüttelt und rattert, dann schaut für mich kein roter Rappen raus. Ich blieb also vorsichtig, als er mich fragte, was für preisliche Vorstellungen ich denn habe. „Why don’t we take it for a test-ride, and then talk about it“, schlug ich tapfer vor, im Wissen darum, dass dieser Test-Ride eine verkaufstechnische Hochrisiko-Aktion darstellte. Gus nickte und nahm mich mit auf den alles entscheidenden Kurz-Trip. Gut zehn Minuten fuhren wir, bergab, bergauf, auf den Highway, durch das Villen-Quartier, mal schnell, mal langsam, dann zurück zu Gus. Und zum allerersten Mal seit Wochen fuhr mein Subaru, als wäre er in seinen besten Jahren, als hätte er nicht 217’000 Meilen auf seinem silbernen Buckel, als gäbe es keine transmission problems. Kein Schütteln, kein Rattern, kein Rütteln, nichts. Ich war stolz auf mein Auto, das mir auf dieser letzten Rundreise noch einmal die Treue hielt und mitpokerte. Nach der Diagnose der Subaru-Mechaniker in Toronto, die mir deutlich sagten, es sei wohl bald an der Zeit „to get out of the car“ und nach all den ratternden Meilen habe ich nicht mehr gedacht, das Auto einigermassen profitabel loswerden zu können. Und dann stand ich plötzlich in Gus’s Office, unterschrieb den Rückkaufsvertrag, zählte die 30 Hundertdollar Noten durch und machte mich schleunigst aus dem Staub. Beim Hinauslaufen klopfte ich dem Subaru dreimal auf die Hube. „Thanks mate“, flüsterte ich leise, und verschwand um die Ecke.

Am Vorabend der „Trennung“ nahm ich mein Auto noch einmal mit zum Grand Canyon. Auf der Rückfahrt machte ich mir ein paar Gedanken über die absurden Beziehungen, die man als Mensch zu Objekten aufbauen kann. Und wenn ich mir das jetzt so überlege, dann glaube ich, dass mein Subaru vielleicht doch mehr war als eine launische Klapperkiste. Immerhin hat mir das Auto manchmal fast ein wenig das Gefühl von Heimat vermittelt, als wäre es für eine Weile mein rolling home, mein mobiles Zuhause gewesen…

      

Der Grand Canyon, übrigens, hat in der Zwischenzeit nichts von seiner Magie verloren. Ich glaube, ich könnte ein Leben lang an diesem Abgrund sitzen und es danach noch immer nicht fassen. Dieser Ort ist, wie ihn mein Lonelyplanet beschreibt, schlicht „larger than life“…

   

So Long!

Werbeanzeigen
Veröffentlicht unter Arizona, Subaru | 2 Kommentare

Winter Wonderland

Die treue insideusa-Fanbase (wenn es sie denn gibt) erinnert sich womöglich an meine grossen Worte im Anschluss an den Besuch im Rocky Mountains National Park, wo ich mich im letzten August leider ohne Erfolg auf die Suche nach einem Bären gemacht habe und danach optimistisch ankündete: „Ich verspreche, dass ich nicht nach Hause zurückkehre, bevor mir nicht mindestens ein aufrechtstehender Bär vor der Linse durchhüpft.“ Elf Monate habe ich gebraucht, bis ich dieses wohl etwas übereilig gemachte Versprechen nun endlich einlösen kann. Aber, besser spät als nie, ne? Anyway, mehr dazu etwa hundert Bilder weiter unten…

Westlich von Dakota liegt Wyoming, ein beachtlich grosser Rocky Mountain Staat, der einem bei der Grenzüberquerung mit einem „Wyoming, Forever West!“-Schild begrüsst und auf den ersten Blick keinen Zweifel daran lässt, dass die Wyomings ihr Motto ernst nehmen. Cowboy-Hüte und Lederstiefel sind Standard in den weiten Strassen der Roadside-Ortschaften, an denen man auf dem Weg in die Rockies vorbeikommt. Die Downtowns der Dörfer sind mit diesen klassischen Holzfassaden bestückt, die weit über die eigentlichen Gebäude hinausragen und mit in Gothic Lettern geschriebenen Slogans („Coin Laundry, 99 Cents“, „McGonogough Groceries“ etc.) verziert sind. Es ist eine friedliche Gegend, das ländliche Wyoming, und eine politisch mächtige. Nicht, dass hier Präsidentschaftswahlen entschieden oder weitreichende politische Entscheide gefällt würden. Aber, die Bewohner Wyomings haben pro Kopf einen so hohen politischen Einfluss wie niemand sonst im Land. Wie das geht? Very well then, ein kurzer Sidestep zum US-Polit-System kann ja nicht schaden: jeder der 50 US Staaten schickt zwei Senatoren nach Washington (in den „Senat“), die in der Hauptstadt die Interessen ihrer Region vertreten. Die zwei Senatoren sind gesetzt, egal, wie gross oder klein ein Staat ist. Zusätzlich erhält jeder Staat eine bestimmte Anzahl Repräsentanten, die ebenfalls nach Washington (in das „House“) geschickt werden. Pro 650’000 Einwohner gibt es einen Repräsentanten. Wyoming hat aber nicht 650’000, sondern nur 560’000 Einwohner. Die Verfassung schreibt dennoch vor, dass jeder Staat mindestens einen Repräsentanten zugesprochen bekommt. Um im „House“ eine Stimme zu haben, brauchen also alle Staaten mindestens 650’000 Einwohner, ausser Wyoming, das sich mit „nur“ 560’000 Köpfen einen Repräsentanten leistet. Die Wyomings sind somit offiziell „over-represented“, und mächtig stolz darauf.

Doch, die politische Macht der Cowboys hier war nicht der primäre Grund meines Besuchs. Gekommen bin ich wegen dem Yellowstone National Park im Nordwesten des Staates. Farbige Geysire, massenhaft Bären und Elche, tiefe Canyons und tosende Wasserfälle: meine Erwartungen waren ziemlich hoch. Wyoming ist aber nur schon auf dem Weg zum eigentlichen Touristen-Hotspot ein wunderschöner Staat. Faszinierend fand ich etwa den „Devil’s Tower“ (Bilder 1-3) ganz im Osten Wyomings. Der Magma-Kegel erhebt sich mitten im Nichts gut hundert Meter hoch in den Himmel und gibt heute noch Rätsel über seinen Ursprung auf. Überrascht wurde ich von den sehr kalten Temperaturen und dem meterhohen Schnee, der vielerorts noch auf den Feldern lag…

  
  

Ein besonderes Städtchen im Hohen Norden Wyomings ist Cody, das Epizentrum der 21st Century Rodeo-Kultur. Das „Cody Nite Rodeo“ ist offenbar seit Jahrzehnten ein Klassiker und bei Durchreisenden so beliebt, dass der Bus-Parkplatz vor den Eingangstoren des Rodeo-Stadiums grösser ist als jener vor dem gegenüberliegenden Wal-Mart. Hierzulande heisst das was. Ich habe mich durch die Massen von Deutschen, Engländern und East Coastlern gedrängt und mir auf den vorderen Rängen einen gemütlichen Sitzplatz erobert. Mit einem „pulled pork sandwich“ und ungesalzenem Popcorn gewappnet verbrachte ich die nächsten drei Stunden damit, abwechslungsweise meine Stirn über die primitiven Pausenclowns zu runzeln und die hartgesottenen Kerle zu bewundern, die da unten in der sandigen Manege von allen möglichen Tieren durch die Luft geschleudert und halb zu Tode getrampelt wurden. Ave, Samuel, morituri te salutant…

  

Die Anfahrt von Cody zum Yellowstone Nationalpark ist spektakulär. Links und rechts des schmalen Highways ragen riesige Felswände in die Höhe, enge Einbahn-Tunnels tragen das Übrige zum Fahrspass bei (hupen, hoffen, fahren) und dann ist da noch der Buffalo Bill Cody Dam, der einstmals höchste Staudamm der Welt, von dem aus man einen leicht verängstigenden Blick in die tiefe Schlucht des Shoshone Rivers werfen kann.

Der Yellowstone Lake im Zentrum des Nationalparks war bei meiner Ankunft (und zu meinem Erstaunen) zu weiten Teilen gefroren. Der Park liegt auf deutlich über 2000 MüM, was ich irgendwie nicht miteinberechnet hatte. Der Canyon Village Campground, auf dem ich für vier Nächte einen Zelt-Platz gebucht hatte, wurde in der Nacht vor meiner Ankunft von einem Meter Neuschnee zugeschüttet, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als die erste Yellowstone-Nacht im Subaru zu verbringen und im Morgengrauen loszufahren, um auf einem der weniger hoch gelegenen „first come first serve“ Campgrounds ein Plätzchen zu finden. Ich hatte Glück und fand auf dem Norris Campground einen gemütlichen Spot.

1&2) Der zugefrorene Yellowstone Lake, 3) auf dem Weg zu meinem Campground geriet ich in einen „Büffel-Stau“. Das Tier nahms gemächlich und scherte sich wenig um die wohl über hundert Autos, die sich seinem langsamen Tramp ungeduldig anpassen mussten, 4&5) 1 Meter Neuschnee und Minustemperaturen verdorben mir in der ersten Nacht den Camping-Spass, bevor ich mein Lager am nächsten Morgen auf dem etwas wärmeren Norris Campground (6) aufschlagen konnte…

  
  

On Day 2 hikte ich entlang den Rims des Yellowstone Canyons; eine faszinierende Schlucht mit donnernden Wasserfällen und gelb-rot eingefärbten Felsen, die dem ältesten Nationalpark der Welt wohl seinen Namen gaben…

  
  
  
  

Ein besonderes Vergnügen ist der „Uncle Tom’s Trail“, der auf einer steilen Treppe vom Canyon-Rim hinunter in die Schlucht führt, und dessen eiserne Stufen sich unter der keuchenden Masse der sich hinab und hinauf schleppenden Touristen in den vergangenen Jahren bedrohlich verbogen haben…

   
   
   

Auf dem Rückweg zum Parkplatz begegnete ich einem Koyoten, dessen Jagd-Schedule offensichtlich durcheinander geraten war und der am helllichten Tag über die Felder rund um den Canyon streifte…

  

Ich hatte meinen Tagesplan so ausgelegt, dass ich pünktlich zum Sonnenuntergang beim Norris Geysir Basin ankam. Die Region ist tagsüber überfüllt mit chinesischen (und anderen, aber vor allem chinesischen) Touristen, die in „America Asia“ und „All About America“-Cars hingekarrt und durchgeschleust werden. Am Abend aber ist das Norris Basin menschenleer. Ich hatte die unglaubliche Stimmung ganz für mich. Es schneite, und doch war es im abendlichen Geysir-Dunst irgendwie angenehm warm. Die Farben, die Dämpfe, die Konturen der abgebrannten Tannen, der Schwefel-Geruch und das dumpfe Gurgeln der heissen Quellen: es war unbeschreiblich schön…

  
  
  
  

Es ist ein gutes und beruhigendes Gefühl, nach elf Monaten „on the road“ noch immer an Orte zu kommen, die einem mit ihrer Schönheit den Atem rauben und faszinieren. Das Norris Geysir Basin in der Abenddämmerung ist einer jener Orte…

   
   

Day 3 war mein Geysir-Day. Ich machte mich auf in den Westen des Parks, um mir die spuckenden und gurgelnden Stars des Yellowstones anzuschauen. Der „Old Faithful“ (Bild 10), der pünktlich um 20.16 Uhr ausbrach, ist wohl der Top-Celebrity unter den Geysiren. Fast noch mehr beeindruckt haben mich aber der „Grand Prismatic Spring“ (Bild 3) und der „Morning Glory Pool“ (Bild 7). Der Grand Prismatic Spring ist die grösste heisse Quelle Nordamerikas und offenbart ihre farbige Schönheit erst richtig, wenn man sie aus der Luft betrachtet. Hier ein Blick auf die Quelle aus der Vogelperspektive. Wie aus einer anderen Welt, nicht?

  
  
  
  

Die „Farben“ der heissen Quellen sind offenbar nichts anderes als verschiedenartige Algen und Mikroorganismen, die sich je nach Wassertemperatur anders „verhalten“…

   
   
   

Etwas weniger spektakulär, dafür fast schon bemitleidenswert, sind jene Geysire, die im Laufe der Zeit vom Yellowstone Lake „verschluckt“ wurden und jetzt leise und eintönig unter der Wasseroberfläche vor sich hinsprudeln…

  

Trotzdem, irgendwie hat auch die etwas eintönige Landschaft entlang des Yellowstone Lake Ufers ihren Reiz. In einem der See-Arme habe ich zwei Otter gesehen, die auf dem Rücken schwimmend kleine Äste und Seegras transportierten…

   
   

Aber, wen interessieren schon zwei Otter, wenn man on Day 4 auch den „real deal“ haben kann? Day 4 wär mein Bären-Tag. Unverhofft begegnete ich im Laufe des Tages insgesamt sieben Grizzly- und zwei Schwarz-Bären. Aus sicherer Distanz betrachtet sind diese riesigen Wurzel-Fresser richtig „härzig“. Den „bear spray“, eine Art Super-Pfefferspray, den ich mir in einem Jagd-Shop in Cody gekauft hatte, brauchte ich glücklicherweise nicht. Die Bären zogen es vor, mich kurz anzuäugen und danach weiter nach Wurzeln zu graben, sich auf dem Rücken zu wälzen und – as I promised – auf den Hinterbeinen vor meine Linse zu „hüpfen“. Ich kann im August also mit gutem Gewissen nach Hause kommen…

  
  
  

Die Unterscheidung zwischen Schwarz-Bären und Grizzlies ist in den nördlichen Rocky Mountains gar nicht so einfach, wie mir ein Ranger bei meiner dritten Bär-Sichtigung erklärte. Die Farbe ist nicht entscheidend. Im Yellowstone gibts sowohl schwarze Grizzlies als auch graue Schwarz-Bären. Einer der Hauptunterschiede zwischen den beiden Spezien ist der „hub“ auf den Schultern des Grizzlies, der beispielsweise beim Bären auf Bild 1 deutlich zu sehen ist. Der Bär auf Bild 4 hat keinen „hub“, dafür einen ziemlich hohen Hintern, was auf einen Schwarz-Bären hindeutet. Den Bären auf den Bildern 7-9 habe ich vorläufig mal als Grizzly abgehakt. Was meint ihr? Das Exemplar auf den Bildern 10-12 ist aber trotz seiner braunen Farbe ein Schwarz-Bär, denke ich…

  
  
  
  

Interessant ist die Statistik, die im Yellowstone Newspaper, das einem am Parkeingang überreicht wird, die Titelseite schmückt. Die laut dieser Statistik „most dangerous“ Tiere im Park sind nicht die Bären, sondern die „elk“ („elk“ meint nicht Elch, die heissen „moose“, sondern Damhirsch), dicht gefolgt von den „bison“. Erst an dritter Stelle stehen die Grizzlies. Rang vier gehört den Schwarz-Bären. Ich habe alle vier Begegnungen schadlos überstanden…

  
  

Zum Abschluss meines Yellowstone-Trips fuhr ich an die nordwestliche Grenze des Parks zu den „Mammoth Hot Springs“. Das ausgespuckte Wasser der heissen Quellen in diesem Teil des Parks fliesst über treppenartige Felsformationen und hat diesen Stufenfelsen über die Jahrhunderte eine weisse Kalkverkleidung verpasst. Leider regnete es bei meinem Ausflug ziemlich heftig. Vielleicht war es aber gerade der Regen und die aufziehenden Gewitterwolken, die die Mammoth Hot Springs in eine fast mystische Stimmung hüllten…

  
  

Und dann diese abgestorbenen Bäume inmitten der schneeweissen Kalkfelder: fast ein wenig morbid…

   

On Day 5 verliess ich den Yellowstone Richtung Süden, ratterte durch das prärie-artige Hayden Valley und hinein in den Grand Tetons National Park. Wer von mir schon mal mit einer Postkarte beglückt wurde, der kennt die Grand Tetons: sie sind auf der 98 Cents-Briefmarke prominent abgebildet. In den Tetons sah ich – wenn auch gut versteckt hinter dem dichten Gestrüpp – den ersten Elch meines Roadtrips. Die Wildlife-Liste vervollständigt sich langsam…

  
  

Es war schön in Wyoming, der letzten Station meines Solo-Trips. Ab Anfang nächster Woche erhalte ich Gesellschaft aus der Bundeshauptstadt. Bis dahin habe ich Zeit, mich in Flagstaff etwas auszuspannen, meinen ausgepowerten Subaru loszuwerden und ein paar Blog-Posts, die mir schon lange im Kopf rumschwirren, einzutippen…

   

So long…

Veröffentlicht unter Wyoming | 2 Kommentare

A Lot Of Nothing

„Be warned, there is a lot of nothing in between our coasts“, mahnte mich Rob, als ich ihm auf der Fähre von der Isle Royale zurück aufs Festland von meinen Reiseplänen durch die Great Plains erzählte. Rob kam als Ex-Trucker ziemlich rum in den USA und hat das Land nach eigenen Angaben „hundreds of times“ durchquert. Die Great Plains hätten nichts zu bieten, sagte der bärtige Rentner und begann von der boomenden Metropole Milwaukee zu schwärmen. Doch, boomende Metropolen habe ich in den vergangenen Wochen zur Genüge gesehen. Miami, Washington D.C., New York City, Boston, Toronto, you name it. Und irgendwie freute ich mich auf „a lot of nothing“, auf stille Weiten, flache Steppen und nicht enden wollendes Weideland. Iowa hat mich nicht enttäuscht und seine „Rolle“ als irgendwie unheimliche und nostalgische Gegend gut gespielt. Auf Iowa war ich vorbereitet, hatte meine klaren Vorstellungen und Ansprüche. Von South Dakota hingegen hatte ich praktisch keine Ahnung. Und, wie so oft auf dieser Reise stellen sich gerade jene Orte als absolut fantastisch heraus, von denen ich mir nicht allzu viel erhofft habe. Das stimmte für Chicago, für New Mexico, und nun auch für South Dakota.

Eigentlich wollte ich mich in diesem Post mal wieder von meiner kritischen Seite zeigen, über ein paar neue Beobachtungen und Einschätzungen zu diesem Land und seinen Bewohnern berichten. Ich wollte über die „newborn Christians“ schreiben, über die „urban crust-crawlers“ berichte und von politisch verzerrten Weltbildern erzählen. Ich möchte mich hier nicht nur als begeisterter Reisender präsentieren, der geblendet von der Schönheit der USA über all die düsteren Seiten des Landes hinwegschaut und sich nicht um die Kehrseite der ach so glänzenden Medaille kümmert. Kehrseiten gibt es, zu Hauf, und ich habe sie mir alle notiert, um zu gegebenem Zeitpunkt darüber zu schreiben. Doch, nicht hier, nicht heute. Heute will ich noch einmal als „Geblendeter“ berichten, als Schwärmer und als Träumer. South Dakota lässt nichts anderes zu. Das graue Entchen der Vereinigten Staaten, der weisse Fleck auf meiner Roadtrip-Map ist so viel mehr als „a lot of nothing“. In fact; South Dakota ist „everything“ das ich mir von diesem Trip erhoffte: wilde Tiere, noch wildere Landschaften, ur-amerikanische Pop-Kultur, nette Menschen, ignoranter Patriotismus und Goldgräber-Nostalgie. Dig in!

Meinen Dakota-Trip startete ich in Mitchell, einer Kleinstadt, die zur Zeit grossflächig unter Wasser steht und rund um die Uhr gegen die steigenden Fluten des James Rivers kämpft. Die historische Innenstadt blieb von den Überschwemmungen bisher verschont, so dass ich mir den „Corn Palace“ im Trockenen anschauen konnte. Der Palast, geschmückt mit über10’000 verschiedenfarbigen Mais-Kolben, ist eine der schrägeren Roadside-Attraktionen, denen ich auf den letzten 25’000 Meilen begegnet bin…

  

Westlich von Mitchell beginnt das grosse Nothing, vor dem mich Rob auf der Fähre warnen wollte. Ähnlich wie in Iowa fährt man durch unendliche Weide- und Feldlandschaften. Im Vergleich zu South Dakota kamen mir die ländlichen Gegenden Iowas aber sehr klar strukturiert vor. Die Strassen dehnen sich wie ein geometrisch perfektes Netz über die Landschaft aus. Die Ländereien sind grösstenteils eingehagt und klar voneinander abgegrenzt. In South Dakota fehlen diese Grenzen und Zäune vielerorts, und wenn es sie gibt, dann verlieren sie sich irgendwo im Nichts oder hören mitten in den Feldern plötzlich auf, als seien sie vor Jahrzehnten einmal aufgestellt und dann einfach vergessen worden. Central South Dakota ist wie Iowa, einfach wilder, unorganisierter und – wie mir scheint – vielerorts noch gespenstischer als sein östlicher Nachbar. Mindestens, wenn man sich mitten im Nichts auf privates Gelände wagt, um leerstehende Hütten zu erkunden. Ähnliches Verhalten wurde mir früher in meiner Geschichte schon einmal zum Verhängnis. Aber, keine Angst, in South Dakota fuhr ich mit meinem eigenen Auto vor…

  
  
  

Vielleicht träumt mein Unterbewusstsein seit Langem von einem Leben als Film-Direktor oder als Krimiautor: jedenfalls male ich mir in diesen verlassenen Gegenden jeweils aus, was sich hier alles für erschütternde Schicksale oder packende Geschichten abgespielt haben könnten. Das Haus auf Bild 2 jedenfalls wäre doch ein perfektes Cover-Bild für einen literarisch umgemünzten Steven King Verschnitt?

   

Mitten durch dieses inspirierende Nichts fliesst der zur Zeit stark angeschwollene Missouri River. South Dakota selbst kann die riesigen Wassermassen, die durch die Schnellen beim Oahe Damm schiessen, gut handeln. Weiter südlich aber, in Kansas, Nebraska und besonders in Missouri verursacht der Fluss in diesen Tagen massive Schäden. Der Oahe Damm, der erste Punkt, an dem der Missouri River von Menschenhand „gezähmt“ wird, ist ein guter Ort, um sich die Macht dieser Wassermassen vor Augen und zu Ohren zu führen…

  

Zwischen dem Oahe Dam und dem Badlands National Park – meinem nächsten South Dakota Ziel – lagen etliche Highway-Meilen durch steppenartiges Niemandsland. Stundenlang gerade aus durch Gewitter und Sonnenschein; auch das gehört zum Roadtrippen. Als Randnotiz: auf dieser Strecke habe ich die 25’000 Meilen (40’750 Kilometer) Grenze überschritten. Eine gehörige Portion „street experience“, die ich mir da in den vergangenen Monaten angeeignet habe…

  

Am westlichen Ende South Dakotas erhebt sich die von Weitem sichtbare „Wall“; eine Landschaft geprägt von langsam erodierenden Lehm-Canyons, die entlang der Grenze zwischen der lower und der upper prairie verlaufen und sich in früheren Jahrhunderten einen schlechten Ruf bei durchziehenden Völkern einbrockten. Die Lakota Indianer, die hier unter der Führung von Sitting Bull, Crazy Horse und Red Cloud durch die Gegend zogen, nannten die Region „mako sica“ (schlechtes Land). Die im 18. Jahrhundert ankommenden französischen Fallensteller beschimpften die Gegend als „mauvais pays“ und die modernen Amerikaner einigten sich schnell auf die Bezeichnung „Badlands“. Badlands, weil man hier weder Weideflächen noch Ackerland findet, weil die Region (ohne die modernen Highways) äusserst schwierig zu durchqueren war und weil die Sommersonne täglich mit gut 40 Grad auf die trockenen Lehmhaufen niederbrennt. 1939, noch bevor die ganzen Lehmberge im Zuge des Goldgräber-Wahns weggebaggert wurden, ernannten die Amerikaner die Badlands zum Nationalpark. Nationalparks habe ich auf meiner Reise schon einige gesehen, aber dieser hier, der toppt vieles. Wenn die White Sands den Top-Rang belegen und der Grand Canyon auf Rang zwei landet, dann machen die Badlands das Spitzen-Trio komplett. Die Badlands sind schlicht atemberaubend. Dass ich den Park nach nur einem Tag wegen den aufziehenden Tornados wieder verlassen musste, reute mich sehr. Anyway, I’ll be back…

  
  
  

Die lehmigen Badlands selbst, die der Region ihren Namen geben, dominieren den östlichen Teil des Parks…

   
   
   

Wer sich bei der Ranger Station einen „backcountry permit“ holt und auf vorgetrampten Wegen ins Hinterland wandert, findet sich bald in weitläufigen Steppen wieder, die bei meinem Besuch unter den sich bedrohlich zusammenziehenden Wolken zusätzlich an Dramatik gewannen…

  
  
  
  

Knapp vier Stunden bin ich durch die Prärie gezogen, und bin nicht einem Menschen begegnet…

   
   

In diesen weiten Steppen (wo übrigens Teile des Westerns „Dances With Wolves“ („Der Mit Dem Wolf Tanzt“) gedreht wurden) begegnete ich allerhand wilden Tieren. Und wenn ich in diesem Jahr eines neu entdeckt habe, dann ist es meine Freude an wilden Tieren. Spatzen mit langen Schnäbeln (again, Darwin hätte sich gefreut), freche Jackrabbits und umhertorkselnde Truthahne huschten mir über den Weg…

  

Präriehunde streckten die Köpfe aus ihren langen Gang-Bauten und pfiffen mich böse an, als ich ihnen zu nahe kam…

  
  

Pronghorn-Gazellen tauchten aus dem hohen Steppengras auf…

  

Bighorn Sheep zogen vor dem dramatischen Backdrop der Badlands durch die Prärie…

  

Und schliesslich entdeckte ich ein paar Bisons, die im Abendlicht vor sich hingrasten und mich aus den Augenhöhlen ihrer mächtigen Schädel gleichgültig anstarrten…

  
  

Präriehunde und Bisons, sie beide brechen einen Wildlife-Rekord: die Badlands-Präriehunde sind die mit Abstand lautesten Wildtiere, denen ich in den USA begegnet bin; die Bisons die mit Abstand grössten (abgesehen von den Walen). Mein Wunsch ist es, dass der Bison in den kommenden Yellowstone-Tagen von einem sich aufbäumenden Grizzly vom „biggest wildlife animal“-Thron gestossen wird. On verra…

   

Wegen den sich zusammenbrauenden Tornados und den drohenden „flash floods“ im Badlands Nationalpark bin ich in die höher gelegenen Black Hills im südwestlichen Ende South Dakotas geflüchtet. Der Custer State Park, einer der grössten State Parks des Landes, bietet Iowa-Style Weidelandschaften, dramatische Fels-Spiralen, mehr als 1300 Bisons und spiegelglatte Bergseen. Knapp ausserhalb des Custer State Parks starren die „big four“-Präsidenten (Washington, Jefferson, Roosevelt und Lincoln) vom Mount Rushmore hinunter in die hügligen Weiten der Black Hills. Und etwas weiter nördlich kann man sich von den Gambling Halls und den Touristenshops der einstigen Goldgräber-Hochburgen Deadwood, Spearfish oder Sturgis (wo heutzutage jedes Jahr Millionen von Harley-Fans der Motorcycle Hall of Fame die Ehre erbieten) die Dollarscheine aus den Taschen ziehen lassen. South Dakota has it all!

  

Die „Illumination Show“ am Mount Rushmore liess ich mir nicht entgehen. Jeden Abend um 9 Uhr erstrahlen die vier steinernen Präsidenten in grellem Licht, und jeden Abend versammeln sich hunderte stolze Amerikaner im am Fusse des Felsens liegenden Amphitheater, um der Zeremonie mit Tränen in den Augen beizuwohnen. Als Einstimmung auf die ur-patriotische Feier wird einem der Film „Freedom: An American Legacy“ gezeigt: eine 20-minütige Selbstinszenierung, die einen glauben lässt, man sei tatsächlich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten (das in der traurig-realen Welt knapp 50 Millionen seiner Bürger mit „food stamps“ durchfüttern muss, weil sie sich ihr Essen schlicht nicht selber leisten können). Die darauf folgende Zeremonie für alle anwesenden Kriegsveteranen, bei der die Flagge auf Halbmast gesetzt und jedem Ex-Krieger ein Pin angesteckt werden sollte, musste wegen dem aufziehenden Sturm abgesagt werden. Das Blitzgewitter, das kurz darauf über den steinernen Mienen der „big four“ ausbrach, war beeindruckend, und irgendwie symbolträchtig…

   

South Dakota summed-up: es ist schön hier, sehr schön. Morgen ziehe ich dennoch weiter gen Westen Richtung Yellowstone. Drei Ziele habe ich mir für die Königin aller Nationalparks gesetzt: 1) den „Old Faithful“-Geysir ausbrechen sehen, 2) einen Bären vor die Linse kriegen 3) und einen Sonnenaufgang über den Rocky Mountains wach mitzuerleben. Wie ambitioniert diese Vorgaben sind, wird sich zeigen…

Macheds guet!

Veröffentlicht unter South Dakota | 3 Kommentare

Somewhere In Iowa

Iowa landet nicht auf den Top-Rängen, wenn es um touristisch attraktive Regionen in den USA geht. Mein Lonely Planet Guide empfiehlt „go straight through“, im National Geographic Reiseführer wird der Staat gar nicht erst erwähnt. Und doch, für mich hatte Iowa einen ganz speziellen Reiz. In meinem USA-Bilderbuch, das ich mir während Jahren immer wieder aus der Dorfbibliothek ausgeliehen habe, sind ein paar Aufnahmen abgebildet, die Iowa als Staat mit unglaublichen Weiten, schönen Sonnenuntergängen und sehr viel Einsamkeit zeigen. In Iowa, so habe ich gelesen, gibt es acht Mal mehr Schweine als Menschen. Und doch, den wenigen Menschen, die den Staat im American Heartland ihre Heimat nennen, kommt in den USA eine ganz spezielle Bedeutung zu. Mindestens im politischen Sinne. Iowa ist der erste Staat, in dem Vorwahlen für die Nominierung der Präsidentschaftskandidaten stattfinden. Iowa ist sowas wie der politische Trendsetter der presidential elections und wird von den jeweiligen Kandidaten stark umworben. Wer in Iowa gewinnt, der gewinnt überall, besagt ein lokales Sprichwort. Gerade jetzt, knapp zwei jahre vor den nächsten Präsidentschaftswahlen, reisen wieder verschiedene republikanische Kandidaten durch das unendliche Farmland, halten Reden, verschenken Posters und Flaggen und künden an, als zukünftige Präsidenten für die ur-amerikanischen Werte, die hier im Heartland grossgeschrieben werden, einzustehen. Tim Pawlenty, Sara Palin, Newt Gingrich und Mitt Romney: sie alle waren dieses Jahr bereits hier und haben die „Iowans“ mit ihren Versprechungen umgarnt.

Iowa ist mindestens in gewissen „barbarischen“ Kreisen aber auch für einen international erfolgreichen Musik-Export bekannt: die Kult-Band „Slipknot“ wurde hier gegründet und wählte die Felder Iowas als Schauplatz für die meisten ihrer Video-Shoots. Ihr Song Vermillion pt.2 – wie ich finde – passt sehr schön zu der melancholischen Stimmung, die über den hügligen Weiten Iowas liegt.

In einem Walmart an der Grenze zwischen Wisconsin und Iowa habe ich mir deshalb Slipknot’s Album „Vol. III: The Subliminal Verses“ gekauft und den Equalizer des Subaru-Soundsystems auf „Hardrock“ gestellt. Ich ratterte los Richtung Westen, knapp 400 Meilen über die staubigen Backstreets von Iowa, und genoss die einsamen Landstriche, auf die ich mich so lange freute. Iowa – hier darf man den grossen Reiseführern für einmal misstrauen – ist wunderschön und in seiner Melancholie und Weite wohl einzigartig…

  
  
  
  

Strassen so endlos wie jene im amerikanischen Südwesten, Sonnenuntergänge so intensiv wie über dem Grand Canyon und Weidelandschaften, die mich sehr an die Felder zwischen Waltenschwil und Boswil-Bünzen erinnerten, nur mit dem Unterschied, dass sie einfach nie aufhören…

   

What’s next? Ich schaue bei den Cheyenne und den Sioux in South Dakota vorbei, keuche durch die staubigen Wüsten des Badlands Nationalpark, würdige die „big four“ Präsidenten beim Mount Rushmore Memorial, fahre hinein in die Rocky Mountains und hinauf zum Yellowstone Nationalpark, bevor ich in Arizona den nächsten hohen Besuch in Empfang nehmen werde. Sounds good, eh?

Macheds guet!

Veröffentlicht unter Iowa | 4 Kommentare

Moose Ain’t Loose

Meinen Orbs-Freunden auf Hawaii hätte der Atem gestockt, wenn sie gestern mit mir unterwegs gewesen wären. Und, ich muss zugeben: auch ich habe es einen Moment lang mit der Angst zu tun bekommen auf der „County Road W“, auf der ich kurz vor Mitternacht im Nordwestlichsten Ecken von Illinois Richtung Iowa fuhr. Die „CR W“ ist eine jener ewig langen geraden Strassen, die durch das spärlich besiedelte Farmland im Norden Illinois führt. Strassenbeleuchtungen oder Mittel-Streifen gibt es keine. Alle paar Meilen kommt man an einem oft gelb beleuchteten Bauernhof mit riesigen Stahl-Silos vorbei. Ansonsten ist da weit und breit nichts: nur Felder und ab und dann eine Baum. Nachts ist es stockdunkel in dieser Region, und die Scheinwerfer sind eine Notwendigkeit, um die in der Ferne auf der Strasse hockenden Waschbären rechtzeitig zu erkennen und abbremsen zu können. Das Fernlicht zieht die Motten und Käfer zu Hunderten an. Und fast rhythmisch zerplatzen die armen Viecher auf der Windschutzscheibe. 29 Meilen gerade aus, zeigte mir mein GPS an, dann Links abbiegen auf die Country Road J. Ich ratterte angestrengt auf die Strasse schauend durch die nächtliche Einöde und stellte das Radio an, um mir nicht ganz so verlassen vorzukommen. Der Song „Like a G6“ der Neo-Band Far East Movement lief. Es ist einer jener Songs, die mich an unsere Flagstaff-Roadtrips erinnert. Ich drehte das Volumen auf und holperte zufrieden weiter entlang der CR W. Was mich erstaunte: nach einer kurzen Werbepause wurde der Song ohne Kommentar noch einmal gespielt. Das schien mir ungewöhnlich. Welche Radio-Station würde einen Song zweimal hintereinander spielen. Und während ich noch über diesen Umstand rätselte, stellte ich fest, dass mein Radio ohne mein Zutun stetig lauter wurde. Die digitale „volume“-Anzeige stieg:18…19…20…21. Es gibt im Subaru nur einen Volumen-Knopf, und der liegt weit weg von mir auf der Beifahrer Seite. 22…23…24. Ich schwöre, ich habe den Knopf nicht berührt. 25…26…27. Mich tschudderte es leicht, ich schaltete das Radio aus, schaute auf die Strasse und konnte dank der ersten Vollbremse in meinem Nach-Fahrschul-Leben gerade noch rechtzeitig abbremsen. Auf der Strasse, unmittelbar vor meinem Auto, hockten zwei hellbraune Katzen. Sie starrten mich an, ohne sich zu bewegen. Ich hupte. Die Katzen hockten. Ich hupte noch einmal. Die Katzen starrten mich an. „What the f… is this!“ hörte ich mich sagen, schaltete den Rückwärtsgang ein, backte up, machte eine kurve um die starrenden Katzen und fuhr weiter in die Nacht hinein.

Was habe ich daraus gelernt? Nun, es gibt im Leben Situationen, die ich mir ganz offensichtlich nicht erklären kann. Und da draussen, auf der County Road W im nördlichen Illinois, da geschehen rätselhafte Dinge. Und irgendwie ist das exakt genau jene Stimmung, die ich mir für meinen Trip durch die Great Planes wünschte. Illinois, Iowa, South Dakota, Wyoming: das sind unglaubliche Weiten, Einöde, Farmland. Das sind Schauplätze unzähliger Horrorfilme, Slipknot-Videos und Schauergeschichten. Vielleicht haben mich die beiden Katzen gestern Nacht einfach nur willkommen heissen wollen im American Heartland, das mich für die nächsten Tage verschlucken wird.

Um durch die Great Planes trippen zu können, musste ich vor einer guten Woche aber erst einmal zurück in die USA gelangen. Bei meinem Abstecher nach Canada habe ich alle dafür benötigten Papiere organisiert und stand dann dennoch mit Herzklopfen in Sault St. Marie an der Grenze. Die riesigen Drahtzäune, die schwer bewaffneten Polizisten und die herumlungernden Spürhunde machten mich nervös. Der Grenzbeamte, der sich meine Papiere anschaute, war dann aber ganz nett, stempelte meinen Pass ab, nahm mir meine Sweet Potatoes und meine Rüebli weg (wegen irgendwelchen Agrar-Import Regeln) und liess mich back into the US. Von der Grenze aus fuhr ich westlich durch die wunderbar grüne „Upper Peninsula“ in Michigan. Erster Halt war der Tahquamenon Falls State Park, wo ich mal wieder eine Nacht in meinem Auto verbrachte (das hatte ich in der Zwischenzeit schon fast wieder verlernt) und am nächsten Morgen zu den wegen ihrer goldenen Farbe berühmten Falls hikte. Die Färbung des Wassers wird durch „tannin“ verursacht: ein Toxid, das durch herunterfallendes Laub ins Wasser gerät und die Tahquamenon Falls sprichwörtlich vergoldet.

  
  

Von den Tahquamenon Falls aus fuhr ich nördlich Richtung Keweenaw Peninsula, die einsam und verlassen in die welligen Weiten des Lake Superior hinausragt. Auf der Fahrt ans nördliche Ende der Insel (von wo aus ich am nächsten Morgen die Fähre zum Isle Royale Nationalpark nehmen wollte) sah ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Stacheltier, staunte über die ziemlich bedrohlich wirkenden Wellen auf dem grössten Süsswassersee Nordamerikas und kam an einem Haus mit einer interessanten „Inschrift“ vorbei…

  

Die Nacht verbrachte ich in Copper Harbor, einer hübschen kleinen Hafenstadt, die kurz nach Mitternacht von einem ziemlich heftigen Sturm getroffen wurde und für die nächsten knapp 24 Stunden vom Stromnetz abgeschnitten war. Die Fähre zum Nationalpark durfte wegen dem stürmischen See am nächsten Morgen den Hafen nicht verlassen und ich sass einen Tag lang im stromlosen und dafür umso gemütlicheren Copper Harbor fest. Beim Spazieren entlang den felsigen Klippen des Sees stürzte ich und verbrachte den Rest des „Freitages“ damit, mich selbst zu verarzten (nicht meine Stärke) und zu Bemitleiden (schon eher meine Stärke). Ich genoss den wunderbaren Sonnenuntergang mit einer Büchse Yams und fand den Anfang von Highway 41. Ich stellte fest, dass ich mich noch nie nach den Anfängen von Strassen gefragt habe. Mathematisch gesprochen (oha!) waren Strassen für mich stets Geraden: nimmer endende, aus dem Nichts auftauchende Verkehrsadern. Anyway…

  

Mit meinem 32 Kilogramm Rucksack und voller Vorfreude auf „America’s last wilderness“ kam ich am Donnerstagmorgen endlich auf der Isle Royale an. Der Nationalpark liegt gut isoliert und fast gänzlich unberührt inmitten des Lake Superior, 50 Meilen von Michigan und 20 Meilen von Canada’s Southern Shores entfernt. Strassen, Strom oder fliessendes Wasser gibts keines. Dafür treiben sich in den weiten Wäldern Wölfe, Elche und Luchse herum. Ich buckelte meine Camper-Last und wanderte zur Daisy Farm, einem kleinen Campingplatz an der Ostküste der Insel. Ausser mir war niemand da. Die Ruhe und Stille waren fast unheimlich schön…

  

Highlight des Parks wären seine Wildtiere, wenn man sie denn finden würde. Die Chance auf einen Wolf ist klein. Auf der gut 500 Quadratkilometer grossen Insel leben gerade mal 12 Wölfe. Zu ihnen gesellen sich 530 Elche, die sich wegen der momentanen Gebähr-Zeit aber in ihre unzugänglichen Habitate zurückgezogen haben. Interessant ist die Geschichte der Tiere auf der Insel. Die Wölfe wanderten im Rekordwinter 1948 über den zugefrorenen See und etablierten sich ziemlich erfolgreich als neues Top-Ende der Isle Royale-Nahrungskette. Die Elche warteten nicht erst den kalten Winter ab, sondern schwammen in den 1930er Jahren kurzerhand von Canada 20 Meilen durch den Lake Superior auf die Insel. Bewundernswert, finde ich. Gesehen habe ich aber weder einen Wolf noch einen Elch, was mich ein wenige enttäuschte. Vor allem, weil ich am Tag 2 auf der Insel ganze 27 Kilometer durch die dichten Wälder wanderte, um ein bisschen Wildlife zu sehen.

Kein Wolf, kein Elch, dafür Eichhörnchen, Schlangen, Feldhasen, Gelbkopf-Schildkröten (viel kleiner als ihre Artgenossen in Florida: Darwin würde Freudensprünge machen), Kröten und in schönen Formationen umherfliegende Gänse…

  
  
  

Wildlife Highlight war der Bald Eagle (Seeadler), das Nationaltier der USA, der auf der Isle Royale nur sehr selten gesichtet wird. Ich habe ihm gut 20 Minuten lang beim auf dem Ast Hocken zugeschaut. Danach schwand meine Geduld und ich liess ihn sitzen. Ich hoffe, in den Badlands in South Dakota (da soll es die Vögel in Massen geben) ein schönes Flugbild machen zu können.

  

Von den Hauptakteuren fand ich nur Spuren, Droppings und Landschaftsstriche, in denen ich als Elch meinen Tag verbringen würde. Doch, da haben ich und die wahren Elche offenbar unterschiedliche Vorstellungen…

  

Leicht erschöpft, müde und hungrig kam ich kurz nach acht Uhr von meinem Hike zurück zum Campingplatz, nicht gerade voller Vorfreude auf die kalten Penne vom Vorabend und den harten Boden, auf dem ich die Nacht zuvor schon schlecht geschlafen habe. Und da, mitten auf dem Camping Platz, stand ein grosser Mann, der mich anschaute und laut meinen Namen rief. „Are you Mister Schumacher, Samuel Schumacher?“ – „Why do you wana know that?“ – „C’mon, are you Sam?“ – „Yeah, why do wana know that?“ Der Mann kam auf mich zu und klopfte mir auf die Schulter. Mir war das ganze ein bisschen unheimlich. „Listen, tomorrow’s ferry trip was cancelled due to stormy winds.“ Die Fähre könne nicht wie geplant am Samstagnachmittag zurück nach Copper Harbor fahren. Die einzige Möglichkeit sei der frühe Morgen. Und ich sei der einzige Camper, der noch nicht auf dem Hafen-Campingplatz eingetroffen sei. „That’s because I just came back from a day-hike.“ – „So, can you make it to the harbor by 9 am tomorrow?“ Für den Hinweg vom Hafen zur Daisy Farm brauchte ich fünf Stunden. „I’d have to get up at 3 to make sure I’m there in time.“ Der Mann klopfte mir wieder auf die Schulter. Erst jetzt stellte er sich mir als Fähre-Captain vor. „I’m Don.“ Sie hätten am Nachmittag wegen den hohen Wellen nicht mehr nach Copper Harbor zurückfahren können und „over there“ (er zeigte auf den nebligen See hinaus) „geparkt“. Wenn ich wolle, könne er mich in seinem Motorboot mitnehmen, dann könnte ich auf der Fähre übernachten und müsste nicht um drei Uhr Nachts zum Hafen hiken. „You’d like it over there. We have Hamburgers, Hotdogs and Vodka“, lachte Don. Und so packte ich meine sieben Sachen und wurde von Don in seinem kleinen Motorboot über den nebligen See chauffiert. Nach etwa 5 Minuten zeichneten sich im Nebel die Lichter der „geparkten“ Fähre ab. Sie ankerte vor der Caribou Island, einer kleinen „Vor-Insel“ der Isle Royale. Die Fähre, mitten im nebligen Dämmerungslicht, bot einen gespenstischen Anblick. Empfangen wurde ich von den beiden Mates Carl und John. Und, zum Znacht gabs dann tatsächlich Hamburger, Hotdogs und Vodka. Fast ein bisschen Klichée, drei Matrosen, die bei stürmischer See auf ihrem Schiff hocken und Vodka bechern. Anyway. Meine Gastgeber richteten mir im Schiffsbauch eine kleine Kajüte mit Matratze, zwei Kopfkissen und einem Lämpchen ein. Und so wurde aus meinem geplanten Wildnis-Trip ein recht gemütlicher Ausflug, inklusive Einzelzimmer, Grillparty und lustiger Gesellschaft…

Gut erholt landete ich am nächsten Morgen in Copper Harbor und trippte durch Michigan südwärts Richtung Wisconsin. Die nördliche Hälfte des „Dairy State“ (über 50 Prozent aller Milchprodukte der USA werden hier produziert) ist ein nicht enden wollender Laubwald mit hunderten Seen und Flüssen…

  

Je weiter südlich man fährt, umso mehr machen die Laubwälder riesigen Bauernhöfen und Grasflächen Platz. Wenn man den Norden Wisconsin generalisierend als Laubwald beschreibt, dann ist der Süden schlicht eine nicht enden wollende Kuhweide. Und – man staune – da, mitten in dieser Kuhweide, liegt das „Green County“, das Durchreisende mit einer riesigen „America’s Little Switzerland“-Tafel begrüsst. Das wollte ich genauer wissen, übernachtete im Super 8 vis-à-vis der „Käserei Roth“ und machte mich am anderen Morgen auf, den Schweizer Wurzeln der Region auf den Zahn zu fühlen. Angefangen habe ich im Cheese Store der Käserei Roth, wo mich ein urchig dreinblickender Mann begrüsste und mich durch das gesamte Käsesortiment „führte“. Woher ich denn sei, wollte er auf halber Strecke wissen. „Switzerland“, sagte ich. „A luege do, äuno ä Schwiizer!“, freute sich der Ladenbesitzer und stellte sich als „Toni“ (kein Witz!) aus Erstfeld vor. Er sei vor gut 30 Jahren hierhin gekommen, nach einem abgeschlossenen ETH-Studium. „Ond ietze verchöifi do Chääs. So chas eim go.“ Toni gab mir unzählige Tipps, was ich im Green County alles besuchen solle. Und so machte ich mich mit einer Packung Crackers und einem Stück „Urner Bergkäse“ auf nach New Glarus, dem Hauptort der Region. Neben „Baumgartner’s Famous Swiss Apple“ Restaurant fand ich die „Glarner Stube“, ein waschechtes Glarner Chalet aus dem 19ten Jahrhundert, ein „Grüetzi“-Schild (das neben der bröckelnden Wildwest-Fassade etwas deplatziert ausschaute), das Wohnhaus von „Uli der Pächter“ und eine stolze Fahnenkombination, die in der Schweiz wohl nur begrenzt auf Verständnis stossen würde. So ist das also: wir Eidgenossen haben auch unseren Flecken in der neuen Welt. In fact, wie mir Toni erzählte: „dr ganzi Süde vo Wisconsin ghört de de Schwiizer, weisch.“ Witzig, irgendwie, dieses Little Switzerland, das sich da in den Weiten der Planes gemütlich ausbreitet…

  
  
  

Am Abend gönnte ich mir einen Besuch im lokalen Autokino, wo man sich für 7 Dollar zwei aufeinander folgende Filme anschauen kann. Nach „Pirates of the Caribbean IV“ hatte ich aber genug und wollte abschleichen. Doch, der Subaru sprang nicht an. Zwei Stunden Klima-Anlage bei ausgeschaltetem Motor war wohl etwas zuviel für die Autobatterie. Und so kam es, dass ich – während vorne auf der Leinwand Vin Diesel mit seinen Kameraden in fetten Schlitten durch die Strassenfights von „Fast Five“ düste – bei meinen „Sitznachbarn“ anklopfen und sie um Hilfe für einen Jump-Start bitten musste. Der Typ rechts von mir, ein Automechaniker, hatte ein Aufladegerät bei sich und brachte meinen Subaru im Nullkommanichts zum Rattern. Ich bedankte mich und fuhr los Richtung County Road W. Aber, diese Geschichte kennt ihr ja schon…

Zum Abschluss ein Wochenrückblick im Hochformat:1) Tahquamenon Falls, 2) Ausblick vom Ojibway Mountain auf der Isle Royale hinüber zu den canadischen Southern Shores, 3) das Kleinstädtchen Houghton im Dämmerungslicht, 4) der Allen Lake im nördlichen Wisconsin.

   So long us Iowa!

Macheds guet ond liebi Grüess…

Veröffentlicht unter Illinois, Michigan, Wisconsin | Kommentar hinterlassen

Sudbury Sessions

Steve, der Hotel-Clerk im lokalen Super8-Motel, schaute mich unbeholfen an, als ich ihm nach den für ihn ungünstig verlaufenden Preisverhandlungen auch noch fragte, ob es denn in Sudbury irgendwas zu sehen gäbe. „Well, yes, we have a lake. It’s nice.“ Eine Stadt mit eigenem See, das ist durchaus was. Nur, hier im nördlichen Ontario, im „Cottage Country“, wo viele Grossstadt-Kanadier ihre Wochenend-Hütten und Wohnwagen haben, ist es als Ortschaft ziemlich schwierig, keinen See zu haben. Die weitläufige Waldlandschaft der Region ist voll von Flüssen, Creeks und kleineren Seen, die in mir dieses unbeschreiblich Canada-Gefühl weckten. Ich habe mehr als einmal Halt gemacht auf meiner Reise von Toronto hierhin in die „City of Greater Sudbury“ (GCoS). Nicht nur wegen dem rüttelnden Subaru, dem ich seine Pausen gönnen wollte, sondern vor allem auch, weil mir diese wilde kanadische Landschaft unglaublich gut gefiel. Es tut gut, nach all den Grossstadt-Tagen wieder etwas Frischluft zu schnuppern, auch wenn ich heute Mittag nur ungerne aus dem gemütlichen Basement-Zimmer meiner Verwandten in Toronto ausgezogen bin.

Und jetzt, am letzten kanadischen Tag, bevor ich morgen früh in Sault St. Marie mit meinen neuen Visums-Papieren über die amerikanische Grenze gehen und auf der Michigan-Halbinsel mein Zelt aufschlagen werde, bin ich also in Sudbury, der Greater City of Sudbury, die für mich aus einem Grund einen ganz speziellen Reiz hat: meine Schwester hat hier im letzten Jahr ihren Austausch verbracht und auf ihrem Blog immer wieder aus der kanadischen Provinz berichtet. Ob man Sudbury wegen seiner schönen Lage inmitten des Cottage Countrys mögen oder wegen seiner offensichtlichen Schläfrigkeit (in der Stadt gibt es laut dem online Lonely-Planet-Guide „Zero Things To Do“) gar nicht erst beachten soll, ist für Kanada-Touristen offensichtlich gar keine Frage. Steve, der Super8-Clerk, hat mir jedenfalls gesagt, dass ich seit Tagen der erste Ausländer im Hotel sei.

Anyway, ich liess mich vom Lonelyplanet-Nullrating und Steve’s lahmen „lake“-Tipp nicht beirren und machte mich in der GCoS auf „Juli-Jagd“; sprich, ich scrollte mich durch den Blog meiner Schwester und klapperte los, um das Sudbury-Abenteuer trotz der fortgeschrittenen Stunde in vollen Zügen geniessen zu können. Das Visitor-Center war leider geschlossen (Öffnungszeiten Mo-Fr, von 9.30 bis 16.30 Uhr), dafür wehten die offensichtlich neuen GCoS-Fahnen auf dem Parkplatz im kühlen Abendwind. Am Lake Ramsey traf ich auf einen recht fotogenen Holz-Steg und eine Werbetafel für das „Science North“ Center, einem Schneestern-förmigen Museum mit allerlei Ausstellungen und einem IMAX. Ich kam gerade noch rechtzeitig für den „Wild Ocean“ Film, den ich mir mit den beiden anderen Kinogästen anschaute und danach pünktlich zum Sonnenuntergang auf dem Sudbury-Hausberg neben dem Big Nickel stand. Der Big Nickel ist wohl sowas wie das Wahrzeichen der Stadt, in der seit jeher nach Edelmetallen und Rohstoffen gegraben wurde. Im Dämmerungslicht kurvte ich über den Laurentian University Campus, sah ein paar Gänse und einen freundlich winkenden Security Menschen. Zur Krönung des Sudbury-Adventures fuhr ich hinunter ins Stadtzentrum zu „Tim Horton’s“, wo man den hierzulande legendär-schlechten Kaffee ausgeschenkt bekommt. Ich kaufte mir einen XL-Becher, nahm einen Schluck und schmiss das Gebräu danach entschieden in den Recycling-Kübel neben dem Eingang.

Tim Horton’s hin oder her: Sudbury hat mir eigentlich ganz gut gefallen. Doch nun: farewell, GCoS, probably I won’t be back…

  
  

Cu on the other side der amerikanischen Grenze!

I’ll be where the wild things are…

Veröffentlicht unter Ontario | 2 Kommentare

Shake It, Baby!

Muss man sich schämen, wenn man als Schweizer Bürger nie auch nur ein Wort aus Max Frisch’s literarischem Werk gelesen hat? Ist das verwerflich, peinlich, oder vielleicht normal? Zählt Max Frisch denn noch? Ist er relevant, oder vorüber, oder wieder im Kommen? Ich weiss nur: es lässt sich leben, auch ohne den literarischen Übervater der Nation. Es lässt sich sogar einigermassen erfolgreich Literatur studieren, ohne Frisch und dessen Schriften zu kennen. Doch dann, im hintersten Ecken von Long Island – der steinreichen Halbinsel, die östlich von New York City rund 150 Kilometer weit in den Atlantik herausragt -, kommt man plötzlich nicht mehr weiter, ohne sich mit Frisch zu konfrontieren. Montauk: ein heruntergekommener Leuchtturm, glitschig-nasse Felsklippen, übel riechende Breakfast-Schnellrestaurants entlang der löchrigen Hauptstrasse und eine handvoll leerstehender Terrassenhotels mit Ausblick auf den schäumenden Atlantik; diesen Ort hat Max Frisch ausgewählt als literarischen Schauplatz für eines seiner (laut Reich-Ranicki) einflussreichsten Werke. „Montauk“. Weshalb Montauk? Was führte dich hierhin, Max Frisch? Was in aller Welt hat dich an diesem trüben Ort derart inspiriert? Hätte sich Max Frisch Zeit genommen, die USA zu bereisen, dann hätte er sich nicht mit diesem tristen East Coast-Flecken zufrieden gegeben. Dann hiesse sein „Montauk“ „Monterey“, oder „Laina“, oder „Taos“. „Montauk“, so it be…

Roman und ich, jedenfalls, machten uns in Montauk vergeblich auf die Suche nach literarischer oder sonstiger Inspiration. Gefunden haben wir bloss scheusslichen Kaffee, überteuerte Parkplätze und einen Tross verschwitzter Pensionierter, die uns im Gegenzug für ein Gruppenfoto ein fürstliches Honorar anboten.

  

Weitaus inspirierender (wenn auch nur im architektonischen Sinn) sind die „Hamptons“ im Zentrum der Long Island, wo sich die reichen New Yorker in vergangenen Zeiten ansehnliche Multimillionendollar-Villen bauten, um übers Wochenende dem Grossstadtlärm zu entfliehen und umgeben von gleichgesinnten Upperclass-Menschen auszuspannen. Long Island wird seinem Image als Playground der New Yorker Upperclass ohnehin in Vielem gerecht. Unter der Woche scheinen die nicht enden wollenden Millionärs-Neighborhoods wie ausgestorben. Die riesigen Parks rund um die Mega-Villen sind leblos. Die schönen Strände (einer davon erhielt im letzten Jahr die Auszeichnung zum „#1 Beach in America“) sind menschenleer. Wir machten uns auf zum Neighborhood-Watching und staunten ab all den pompösen Immobilien,  den überdimensionierten Gartenanlagen und den teuren Autos in den Auffahrten. Ins Staunen brachte uns auch der riesige „Shellfish“, den wir an einem Strand ausserhalb von Southhampton fanden…

  

Per Fähre siedelten wir von der Long Island (auf der zur Zeit übrigens ein mysteriöser Serienmörder sein Unwesen treibt) über nach New Haven, Connecticut. New Haven wäre ein eher trister Ort, wären da nicht die eindrücklichen Gothik-Bauten der Yale University, die in fast sämtlichen akademischen Kategorien auf einem Top Ten Platz landet und uns brave Zürcher Studenten nur schon mit ihren Efeu-bewachsenen Mauern ins Schwärmen versetzte. Wir gönnten uns eine Führung über den Campus, besichtigten die verschiedenen Wohnquartiere der „Yalees“, schauten in der wunderschönen Bibliothek vorbei und verloren nach und nach die anfänglich noch recht hohe Zuversicht, dass auch wir vielleicht eines Tages als Studierende hier ein- und ausgehen könnten. Es war beinahe deprimierend, unserem knapp 20-jährigen Tourguide zuzuhören, wie er mit witzigen Anekdoten, scharfsinnigen Bemerkungen und einem unglaublichen Wissen aus dem Yale-Alltag erzählte. Als der angehende Biochemiker vor der Geisteswissenschaftlichen Bibliothek dann auch noch anfügte, dass er „just for fun“ nebenher Geschichte studiere und gleich darauf von seiner Forschungsarbeit über die Rolle der Confederates im Staatsbildungsprozess der jungen Vereinigten Staaten erzählte, gab ich die Hoffnung endgültig auf, jemals in diesen Mauern erfolgreich bestehen zu können. Nicht, dass ich das ernsthaft geplant hätte. Aber, wer weiss. Die Bewerbungsunterlagen für den Yale PhD habe ich jedenfalls mal auf meinem Desktop abgespeichert. Roman versuchte mich nach der Führung in einem Nebenstrassen-Starbucks (voll mit offensichtlich fleissig lernenden Yale Studenten) aufzumuntern. „Wenigschtens hends die Amis ned so met Frömdsproche“, meinte er. Die Reaktion des Aushilfs-Verkäufers an der Kasse kam postwendend. „Woher seid ihr denn“, fragte er uns in lupenreinem Hochdeutsch und erzählte, dass er mal ein Jahr in Konstanz studiert habe, um ein wenig an seinem Deutsch zu feilen. Die „Yalees“ sind mir wohl doch ein paar akademische Nasenlängen voraus. Das muss ich neidlos eingestehen…

Umgeben von Efeu-überwachsenen Mauern wirken die dunkeln Gothik-Bauten der Yale University wie eine Welt für sich. Beeindruckendes Herzstück des Campus ist die Hauptbibliothek (Bild 3), die nach dem Vorbild einer italienischen Kathedrale erbaut wurde und mit wunderschönen Lesesälen zum Verweilen einlädt…

  

Östlich von der Ivy League-Hochburg New Haven liegt Rhode Island, der kleinste Staat der USA. Wir stoppten in der Hauptstadt Newport, kehrten in der Black Pearl auf ein paar Softshell-Krabben ein, schauten uns die typischen New Englang-Holzfassaden in den Backstreets des Städtchens an und statteten der Vanderbuilt-Villa einen Besuch ab. Die Vanderbuilts machten im 19. Jahrhundert eine Menge Geld als Eisenbahn-Patrons und stellten ihren Riesenpalast nach dem 2. Weltkrieg der Öffentlichkeit als Museum zur Verfügung. Übrigens: die Vanderbuilt-Zwillinge, die Facebook-Gründer Mark Zuckerburg erfolgreich auf Ideenklau verklagten und eine erste Abfindung von 65 Millionen Dollar einsacken konnten, gehören ebenfalls zur Vanderbuilt-Dynastie…

  

Von Rhode Island aus reisten wir dem verregneten Cape Cod entlang nach Provincetown, wo man uns Unwissende mit Regenbogen-Fahnen und sehr nettem Lächeln empfing. Über 80 Prozent der Immobilien in „P-Town“ sind im Besitz von Homosexuellen, die dem herzigen Städtchen am obersten Rand des Cape Cod den stolzen Titel des „gayest town of America“ verliehen. Wir lächelten zurück, hofften auf Sonnenschein, spazierten über einen glitschigen Damm zum nördlichsten Leuchtturm der Halbinsel und kehrten im „Lobster Pot“ ein, wo ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und einen 2-Pfund Hummer bestellte. Er war fantastisch! Die Whale Watch-Ausfahrt, für die wir am zweiten P-Town Tag extra früh aus den Bed&Breakfast-Federn hüpften, war leider ein Flopp. Während vier stark schaukelnden Stunden haben wir keine einzige Flosse entdeckt…

  
  

Zum Abschied unseres WG-Trips fuhren wir für drei Tage nach Boston, wo wir den historisch angehauchten „Freedom Trail“ abspazierten, uns alte Segelschiffe und moderne Kriegsfrachter anschauten, Boston Baked Beans (eine Art Countryside-M&Ms) schlemmten, das neue Starbucks-Logo erblickten, Samuel Adams und seinen Co-Patrioten aus dem Unabhängigkeitskrieg auf dem Friedhof einen Besuch abstatteten, vom höchsten New England-Wolkenkratzer hinab ins Nebelmeer schauten und uns noch einmal an eine Ivy League-University heranwagten: Boston beheimatet die Harvard University, die sich im offiziellen Shanghai-Ranking (so eine Art Who is Who der akademischen Bildungsstätten dieser Welt) seit Jahren auf Rang 1 behaupten kann. Nördlich von Boston schauten wir beim Witchhunt-Memorial in Salem vorbei. Salem wurde 1692 zum Schauplatz der wohl tragischsten Hexenprozesse der amerikanischen Geschichte. Auf dem Memorial findet man die Namen aller Hingerichteten „Hexen“ in Stein gemeisselt, schlicht und trist, und vielleicht gerade deshalb ziemlich eindrücklich…

1) Das Nebelmeer hat uns bis nach Boston verfolgt; 2) von diesem Balkon herab wurde den frühen Siedlern die Unabhängigkeitserklärung verlesen. Boston wurde in den darauffolgenden Jahren zum Epizentrum des American War of Independence; 3) die USS Constitution wurde in den Seeschlachten gegen die Engländer mehrmals erfolgreich eingesetzt und schaukelt heute im Hafen gemächlich vor sich hin; 4) in der Christian Science Church (im Vordergrund) kann man tagsüber die weltgrösste Kirchenorgel besichtigen; 5) das neue Starbucks-Logo; 6) Samuel Adams & Co versuchen hier unter dem Getrampel der Touristenscharen zur Ruhe zu kommen; 7) eine der vielen Halls auf dem Harvard-Campus; 8 ) die John Harvard Statue (wer kennt die drei berühmten Lügen?); 9) Schriftzug auf dem Witchhunt Memorial in Salem…

  
  
  

Roman ist vor ein paar Tagen wieder abgereist. Was bleibt sind ich und mein klappriger Subaru, den ich in Toronto ein weiteres Mal gründlich durchchecken liess. Diesmal nicht von einem schwer verständlichen Mechaniker in einer schummrigen Nebenstrasse, sondern vom Subaru Master Technician an der emsigen Yonge Street. Der Mann hat den Subaru für eine milde Spende fein herausgeputzt, das Computer-Programm (von dessen Existenz ich bisher gar nichts wusste) upgedatet und die Fuel Efficiency des Autos dadurch deutlich verbessert. Das Klappern, das bleibt mir aber trotz all den Eingriffen erhalten. Das Schaltgetriebe ist’s, das da so vor sich hinrattert. Die 5’000 Dollar Reparatur gönne ich mir nicht. Sorgen mache ich mir vorläufig aber auch keine mehr. Ein Sicherheitsrisiko besteht nicht, und das Getriebe sollte es locker noch ein paar Wochen schaffen, meinte der Mechaniker. On verra.

Ich bin on the way to Michigan, werde morgen in Sudbury vorbeidüsen, wo meine Schwester ihr Austauschsemester verbrachte, und Anfang nächste Woche für ein paar Tage im Isle Royale Nationalpark verschwinden. Da gibts Wölfe, Bären, Elche und hie und da sogar ein paar Funken Nordlicht. Ich hoffe auf bildtechnisch gutes Blog-Futter und friedliche Begegnungen mit den vierbeinigen Inselbewohnern.

Bes gly, I am where the wild things are…

Veröffentlicht unter Connecticut, Long Island, Massachusetts, Rhode Island | Kommentar hinterlassen