Northern Territories

Ich sitze auf einer zusammengefalteten Fleece-Decke am Boden unseres Dreier-Schlags im American Dream Hostel mitten in Manhattan. Rund um mich verstreut liegen Kleider, Plastiksäcke, Souvenirs, Schuhe. Juli und Beni haben sich daran gemacht, ihren Anteil des Gewühls in ihre Koffer zu packen. Ich selbst kann mich irgendwie nicht dazu überwinden, mich um meinen Haufen zu kümmern. Es ist ein spezieller Gedanke, dass ich noch heute Nacht die Koffer packen muss. Morgen fliegen wir. Nicht nach Houston, nicht nach Hawaii und nicht nach Seattle; wir fliegen nach hause. Meine Zeit hier ist vorbei. Sie war gut, die Zeit, und ich werde sie wohl ab und dann vermissen.

Für eine kurze Weile ist sie aber noch, die Zeit, und einen Teil davon möchte ich nutzen, um insideusa.ch irgendwie zu einem würdigen Abschluss zu bringen. Dazu braucht es zu allererst mal einen Backflash auf unsere letzte Reise-Etappe vom Herzen Oregons über die Hauptstadt des Pacific North West zurück nach New York City, wo die grosse Reise vor einem Jahr begann.

Nach den sandigen Tagen in den Küsten-Dünen Oregons trippten wir entlang kurviger Waldstrassen ins angenehm kühle Central Oregon, wo wir auf dem Broken Arrow Campground am Diamond Lake umgeben von grünen Tannen und Millionen von Stechmücken für zwei Tage unser Zelt aufstellten. Hauptattraktion der Region ist aber nicht der viereckige Diamond Lake, an dessen Ufern sich hunderte von Rednecks mit ihren Fischerrouten auf die Ladefläche ihrer Pick Ups hocken und auf den grossen Fang warten. Viel aufregender ist der Crater Lake National Park; ein tiefblauer Kratersee in einem erloschenen Vulkan, dessen Existenz von den Ureinwohnern der Region lange Zeit verschwiegen und geleugnet und der deshalb erst im späten 19ten Jahrhundert von englischen Pioneers „entdeckt“ wurde. Der Crater Lake ist der 9. tiefste See der USA, und wohl mit Abstand der blauste.

Sechs Mal so gross wie der Hallwilersee und knapp 2000 M.ü.M.; „3 Mol Rondome“ würde hier zur toughen sportlichen Herausforderung…

  
  

Für den Sonnenuntergang fuhren wir nach unserem „hausgemachten“ Rosmarin-Yams-Auflauf noch einmal an den Crater Lake. Das tiefe Blau verwandelte sich nach und nach in bedrohliche Schwärze, aus deren Tiefen laut indianischen Sagen des Nachts verschiedenste Ungeheuer emporsteigen und unerwünschte Eindringlinge mit in ihre nassen Grotten reissen…

   

Ein paar Eindrücke aus unserem Campground-Dasein und unserem Stop bei einem natürlichen Hot Spring Spot mitten im dichten Tannenwald von Central Oregon…

  
  

Im Gegensatz zum Crater Lake National Park sind die Vulkane des Newberry National Monuments nicht längst erloschen, sondern immer noch aktiv. Auf Schwefeldämpfe oder glühende Lavaseen stiessen wir dennoch nicht. Dafür fanden wir schöne Blumen und natürlich verglaste Bimsstein-Brocken…

  
  

Unerwartet ist der Anblick der „Painted Hills“ im John Day Fossil National Monument. Die riesigen Lehmhaufen inmitten der steppigen Pampa sehen aus, als wären sie mit giftigen Chemikalien vollgesprüht und dann ihrem Schicksal überlassen worden. In Wirklichkeit aber erhielten sie ihre knallige Farbe durch natürlich Rost-Prozesse, die die an sich langweiligen Hügel über Jahrmillionen in wahre Kunstwerke verwandelten…

  
  

Weit weniger kunstvoll und irgendwie bemitleidenswert erschien uns Mitchell, die einzige Ortschaft in der näheren Umgebung der Painted Hills. Die Stadt ist ein gutes Beispiel für ein heruntergekommenes Mining Town, dessen touristisches Potential nicht erkannt wurde und das deshalb seit der Stilllegung der nahen Kupferminen unbeachtet vor sich hingammelt. Wir kämpften uns mit viel Mut durch das Tages-Menu der einzigen Beiz im Ort, versuchten das laute Husten in der Küche zu überhören und staunten nicht schlecht ab der Ehrlichkeit der Servier-Dame, die uns offen und ohne Umschweife gestand, dass die „krispy chicken legs“ „not realley krispy“ seien, die Ice Cold Lemonade „not really cold“ und dass es zwischen dem potatoe und dem maccaroni salad eigentlich keinen Unterschied gäbe. Und dann entdeckten wir noch einen kleinen Schuppen (Bild 2), der die Herzen aller Stephen King-Fans höher schlagen lassen würde. Wir gingen nicht hinein…

Anders als in den kühlen Tannenwäldern im Westen Oregons kletterte das Thermometer in der Oregon-Steppe weit über die Toleranzgrenze einiger Reiseteilnehmer hinaus. Trotzdem liessen sie sich zu einem kleinen Hike durch die Badlands-Täler ermuntern und zeigten sich gar enttäuscht über das auf Schildern angekündigte Ende der Wanderwege…

  
    

Inner Oregon hat uns mit seinen Krater-Gegenden und seinen Southwest-Style Lehmlandschaften gut gefallen. Nur eben, die cheibe Wanderwäg hätten ruhig etwas länger sein dürfen…

   

Beinahe gefährlich wurde es auf unserem Ausflug an den Snake River, der an der Grenze zwischen Oregon und Idaho durch den Hell’s Canyon (der tiefste Canyon der USA) fliesst. Wir stoppten auf einem schattigen Camping-Platz am Flussufer, um uns ein paar Avocado-Turkey-Sandwiches zu gönnen. Nach knapp fünf Minuten machte uns ein Mann mit Cowboy-Hut und Sonnenbrille darauf aufmerksam, dass ein paar Stunden vor unserem Besuch ein Bär auf dem Platz aufgetaucht sei, der offensichtlich keine Scheu vor Menschen zeigte und sich nur mit Warnschüssen vertreiben liess. Wir legten zur Sicherheit unseren Bären-Spray bereit und hofften insgeheim, dass sich das zottige Tier noch einmal in die Nähe des Platzes wagen würde. Ein Bär am Snake River, das wäre schon was. Knapp 10 Minuten später war’s dann soweit. Die ganze Campingplatz-Besatzung versammelte sich laut diskutierend und mit ihren mitgebrachten Schusswaffen im Halfter (oder im Rock) und deutete aufgeregt zum anderen Flussufer. Tatsächlich war da ein Schwarzbär, ein ziemlich grosser, schöner Bär. Er rannte hin und her, bäumte sich auf, nahm ein kurzes Bad im Fluss und versetzte die Amerikaner um uns herum offenbar in Jagdlaune. Pistolen wurden vor unseren Augen geladen und griffbereit eingesteckt. Einer wollte Warnschüsse abfeuern und konnte nur durch gutes Zureden vom Cowboy-Hut-Träger davon abgehalten werden. Der Bär zottete ein paar Minuten am Flussufer entlang und verschwand dann in den Hügeln Idahos. Glück für ihn. Wir hatten keinen Zweifel daran, dass unsere gut gerüsteten Nachbarn sofort geschossen hätten, wenn das arme Tier ein paar Meter in die falsche Richtung geschwommen wäre…

  

Wir folgten dem Snake River bis zum Hell’s Canyon, fuhren die Passstrasse hinauf zu einem der Rims und blickten über die Tiefe Schlucht hinweg. Dass der Graben so tief ist wie kein anderer in Nordamerika sieht man ihm von oben gar nicht an. Er wirkt eher wie eine waldige Hügellandschaft, ein bisschen wie das Freiamt, nur ohne Grossüberbauungen, Aldis und Lidls…

  

Der Oregon-Backflash im Hochformat: der Staat ist eine Reise wert: hier ist die West Coast noch wild, sind die Seen noch blau und die Wälder noch unberührt und scheinbar endlos…

   

Der letzte Abstecher unserer West Coast-Reise führte uns nach Seattle, dem Coffee-Capital of the World, der Nirvana-City und der geographisch best isolierten Metropole der USA. Die Stadt liegt zwar inoffiziell „in the pines where the sun don’t ever shine“, empfing uns aber mit strahlend blauem Himmel (wie man uns sagte ist das die absolute Ausnahme) und angenehm warmen Temperaturen. Wir gönnten uns eine erstklassige Walking Tour, schauten auf dem emsigen Pike Place Fish und Farmer’s Market vorbei, standen Schlange vor der weltweit ersten Filiale des Kaffee-Multis Starbucks, kamen vorüber an eingekleideten Bäumen (eine Initiative des neuen Bürgermeisters, der daran glaubt, mit Farbe und Musik Bettler und Obdachlos aus bestimmten Stadtteilen vertreiben zu können…) und genossen das relaxte Ambiente des Pacific North West…

  
  

1) Auf dem Weg hinauf nach Seattle nahmen wir den Umweg über den Historic Columbia River Highway, von dem aus man den mächtigen Fluss gut überblicken kann, 2) Seattle’s Strassen waren einst so steil wie jene in San Francisco. Auf Initiative der Stadtverwaltung wurden im frühen 20ten Jahrhundert alle Strassen geebnet und die ganze Stadt „verflacht“. Treppen sind daher eine wahre Rarität, 3) der Blick aus den Fenstern des wohl exklusivsten Starbucks‘ der Welt: die Filiale liegt im vierzigsten Stock des Columbia Towers (dem höchsten Gebäude der Stadt), 4) auf dem Parkplatz vor unserer Jugi machte ich mich daran, meinen Rucksack für den Weiterflug nach New York City zu packen. Ein Teil meiner Reise-Ausrüstung (etwa die treuen Garmont-Trekking-Schuhe) blieb dabei auf der Strecke…

   

So long!

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