A Lot Of Nothing

„Be warned, there is a lot of nothing in between our coasts“, mahnte mich Rob, als ich ihm auf der Fähre von der Isle Royale zurück aufs Festland von meinen Reiseplänen durch die Great Plains erzählte. Rob kam als Ex-Trucker ziemlich rum in den USA und hat das Land nach eigenen Angaben „hundreds of times“ durchquert. Die Great Plains hätten nichts zu bieten, sagte der bärtige Rentner und begann von der boomenden Metropole Milwaukee zu schwärmen. Doch, boomende Metropolen habe ich in den vergangenen Wochen zur Genüge gesehen. Miami, Washington D.C., New York City, Boston, Toronto, you name it. Und irgendwie freute ich mich auf „a lot of nothing“, auf stille Weiten, flache Steppen und nicht enden wollendes Weideland. Iowa hat mich nicht enttäuscht und seine „Rolle“ als irgendwie unheimliche und nostalgische Gegend gut gespielt. Auf Iowa war ich vorbereitet, hatte meine klaren Vorstellungen und Ansprüche. Von South Dakota hingegen hatte ich praktisch keine Ahnung. Und, wie so oft auf dieser Reise stellen sich gerade jene Orte als absolut fantastisch heraus, von denen ich mir nicht allzu viel erhofft habe. Das stimmte für Chicago, für New Mexico, und nun auch für South Dakota.

Eigentlich wollte ich mich in diesem Post mal wieder von meiner kritischen Seite zeigen, über ein paar neue Beobachtungen und Einschätzungen zu diesem Land und seinen Bewohnern berichten. Ich wollte über die „newborn Christians“ schreiben, über die „urban crust-crawlers“ berichte und von politisch verzerrten Weltbildern erzählen. Ich möchte mich hier nicht nur als begeisterter Reisender präsentieren, der geblendet von der Schönheit der USA über all die düsteren Seiten des Landes hinwegschaut und sich nicht um die Kehrseite der ach so glänzenden Medaille kümmert. Kehrseiten gibt es, zu Hauf, und ich habe sie mir alle notiert, um zu gegebenem Zeitpunkt darüber zu schreiben. Doch, nicht hier, nicht heute. Heute will ich noch einmal als „Geblendeter“ berichten, als Schwärmer und als Träumer. South Dakota lässt nichts anderes zu. Das graue Entchen der Vereinigten Staaten, der weisse Fleck auf meiner Roadtrip-Map ist so viel mehr als „a lot of nothing“. In fact; South Dakota ist „everything“ das ich mir von diesem Trip erhoffte: wilde Tiere, noch wildere Landschaften, ur-amerikanische Pop-Kultur, nette Menschen, ignoranter Patriotismus und Goldgräber-Nostalgie. Dig in!

Meinen Dakota-Trip startete ich in Mitchell, einer Kleinstadt, die zur Zeit grossflächig unter Wasser steht und rund um die Uhr gegen die steigenden Fluten des James Rivers kämpft. Die historische Innenstadt blieb von den Überschwemmungen bisher verschont, so dass ich mir den „Corn Palace“ im Trockenen anschauen konnte. Der Palast, geschmückt mit über10’000 verschiedenfarbigen Mais-Kolben, ist eine der schrägeren Roadside-Attraktionen, denen ich auf den letzten 25’000 Meilen begegnet bin…

  

Westlich von Mitchell beginnt das grosse Nothing, vor dem mich Rob auf der Fähre warnen wollte. Ähnlich wie in Iowa fährt man durch unendliche Weide- und Feldlandschaften. Im Vergleich zu South Dakota kamen mir die ländlichen Gegenden Iowas aber sehr klar strukturiert vor. Die Strassen dehnen sich wie ein geometrisch perfektes Netz über die Landschaft aus. Die Ländereien sind grösstenteils eingehagt und klar voneinander abgegrenzt. In South Dakota fehlen diese Grenzen und Zäune vielerorts, und wenn es sie gibt, dann verlieren sie sich irgendwo im Nichts oder hören mitten in den Feldern plötzlich auf, als seien sie vor Jahrzehnten einmal aufgestellt und dann einfach vergessen worden. Central South Dakota ist wie Iowa, einfach wilder, unorganisierter und – wie mir scheint – vielerorts noch gespenstischer als sein östlicher Nachbar. Mindestens, wenn man sich mitten im Nichts auf privates Gelände wagt, um leerstehende Hütten zu erkunden. Ähnliches Verhalten wurde mir früher in meiner Geschichte schon einmal zum Verhängnis. Aber, keine Angst, in South Dakota fuhr ich mit meinem eigenen Auto vor…

  
  
  

Vielleicht träumt mein Unterbewusstsein seit Langem von einem Leben als Film-Direktor oder als Krimiautor: jedenfalls male ich mir in diesen verlassenen Gegenden jeweils aus, was sich hier alles für erschütternde Schicksale oder packende Geschichten abgespielt haben könnten. Das Haus auf Bild 2 jedenfalls wäre doch ein perfektes Cover-Bild für einen literarisch umgemünzten Steven King Verschnitt?

   

Mitten durch dieses inspirierende Nichts fliesst der zur Zeit stark angeschwollene Missouri River. South Dakota selbst kann die riesigen Wassermassen, die durch die Schnellen beim Oahe Damm schiessen, gut handeln. Weiter südlich aber, in Kansas, Nebraska und besonders in Missouri verursacht der Fluss in diesen Tagen massive Schäden. Der Oahe Damm, der erste Punkt, an dem der Missouri River von Menschenhand „gezähmt“ wird, ist ein guter Ort, um sich die Macht dieser Wassermassen vor Augen und zu Ohren zu führen…

  

Zwischen dem Oahe Dam und dem Badlands National Park – meinem nächsten South Dakota Ziel – lagen etliche Highway-Meilen durch steppenartiges Niemandsland. Stundenlang gerade aus durch Gewitter und Sonnenschein; auch das gehört zum Roadtrippen. Als Randnotiz: auf dieser Strecke habe ich die 25’000 Meilen (40’750 Kilometer) Grenze überschritten. Eine gehörige Portion „street experience“, die ich mir da in den vergangenen Monaten angeeignet habe…

  

Am westlichen Ende South Dakotas erhebt sich die von Weitem sichtbare „Wall“; eine Landschaft geprägt von langsam erodierenden Lehm-Canyons, die entlang der Grenze zwischen der lower und der upper prairie verlaufen und sich in früheren Jahrhunderten einen schlechten Ruf bei durchziehenden Völkern einbrockten. Die Lakota Indianer, die hier unter der Führung von Sitting Bull, Crazy Horse und Red Cloud durch die Gegend zogen, nannten die Region „mako sica“ (schlechtes Land). Die im 18. Jahrhundert ankommenden französischen Fallensteller beschimpften die Gegend als „mauvais pays“ und die modernen Amerikaner einigten sich schnell auf die Bezeichnung „Badlands“. Badlands, weil man hier weder Weideflächen noch Ackerland findet, weil die Region (ohne die modernen Highways) äusserst schwierig zu durchqueren war und weil die Sommersonne täglich mit gut 40 Grad auf die trockenen Lehmhaufen niederbrennt. 1939, noch bevor die ganzen Lehmberge im Zuge des Goldgräber-Wahns weggebaggert wurden, ernannten die Amerikaner die Badlands zum Nationalpark. Nationalparks habe ich auf meiner Reise schon einige gesehen, aber dieser hier, der toppt vieles. Wenn die White Sands den Top-Rang belegen und der Grand Canyon auf Rang zwei landet, dann machen die Badlands das Spitzen-Trio komplett. Die Badlands sind schlicht atemberaubend. Dass ich den Park nach nur einem Tag wegen den aufziehenden Tornados wieder verlassen musste, reute mich sehr. Anyway, I’ll be back…

  
  
  

Die lehmigen Badlands selbst, die der Region ihren Namen geben, dominieren den östlichen Teil des Parks…

   
   
   

Wer sich bei der Ranger Station einen „backcountry permit“ holt und auf vorgetrampten Wegen ins Hinterland wandert, findet sich bald in weitläufigen Steppen wieder, die bei meinem Besuch unter den sich bedrohlich zusammenziehenden Wolken zusätzlich an Dramatik gewannen…

  
  
  
  

Knapp vier Stunden bin ich durch die Prärie gezogen, und bin nicht einem Menschen begegnet…

   
   

In diesen weiten Steppen (wo übrigens Teile des Westerns „Dances With Wolves“ („Der Mit Dem Wolf Tanzt“) gedreht wurden) begegnete ich allerhand wilden Tieren. Und wenn ich in diesem Jahr eines neu entdeckt habe, dann ist es meine Freude an wilden Tieren. Spatzen mit langen Schnäbeln (again, Darwin hätte sich gefreut), freche Jackrabbits und umhertorkselnde Truthahne huschten mir über den Weg…

  

Präriehunde streckten die Köpfe aus ihren langen Gang-Bauten und pfiffen mich böse an, als ich ihnen zu nahe kam…

  
  

Pronghorn-Gazellen tauchten aus dem hohen Steppengras auf…

  

Bighorn Sheep zogen vor dem dramatischen Backdrop der Badlands durch die Prärie…

  

Und schliesslich entdeckte ich ein paar Bisons, die im Abendlicht vor sich hingrasten und mich aus den Augenhöhlen ihrer mächtigen Schädel gleichgültig anstarrten…

  
  

Präriehunde und Bisons, sie beide brechen einen Wildlife-Rekord: die Badlands-Präriehunde sind die mit Abstand lautesten Wildtiere, denen ich in den USA begegnet bin; die Bisons die mit Abstand grössten (abgesehen von den Walen). Mein Wunsch ist es, dass der Bison in den kommenden Yellowstone-Tagen von einem sich aufbäumenden Grizzly vom „biggest wildlife animal“-Thron gestossen wird. On verra…

   

Wegen den sich zusammenbrauenden Tornados und den drohenden „flash floods“ im Badlands Nationalpark bin ich in die höher gelegenen Black Hills im südwestlichen Ende South Dakotas geflüchtet. Der Custer State Park, einer der grössten State Parks des Landes, bietet Iowa-Style Weidelandschaften, dramatische Fels-Spiralen, mehr als 1300 Bisons und spiegelglatte Bergseen. Knapp ausserhalb des Custer State Parks starren die „big four“-Präsidenten (Washington, Jefferson, Roosevelt und Lincoln) vom Mount Rushmore hinunter in die hügligen Weiten der Black Hills. Und etwas weiter nördlich kann man sich von den Gambling Halls und den Touristenshops der einstigen Goldgräber-Hochburgen Deadwood, Spearfish oder Sturgis (wo heutzutage jedes Jahr Millionen von Harley-Fans der Motorcycle Hall of Fame die Ehre erbieten) die Dollarscheine aus den Taschen ziehen lassen. South Dakota has it all!

  

Die „Illumination Show“ am Mount Rushmore liess ich mir nicht entgehen. Jeden Abend um 9 Uhr erstrahlen die vier steinernen Präsidenten in grellem Licht, und jeden Abend versammeln sich hunderte stolze Amerikaner im am Fusse des Felsens liegenden Amphitheater, um der Zeremonie mit Tränen in den Augen beizuwohnen. Als Einstimmung auf die ur-patriotische Feier wird einem der Film „Freedom: An American Legacy“ gezeigt: eine 20-minütige Selbstinszenierung, die einen glauben lässt, man sei tatsächlich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten (das in der traurig-realen Welt knapp 50 Millionen seiner Bürger mit „food stamps“ durchfüttern muss, weil sie sich ihr Essen schlicht nicht selber leisten können). Die darauf folgende Zeremonie für alle anwesenden Kriegsveteranen, bei der die Flagge auf Halbmast gesetzt und jedem Ex-Krieger ein Pin angesteckt werden sollte, musste wegen dem aufziehenden Sturm abgesagt werden. Das Blitzgewitter, das kurz darauf über den steinernen Mienen der „big four“ ausbrach, war beeindruckend, und irgendwie symbolträchtig…

   

South Dakota summed-up: es ist schön hier, sehr schön. Morgen ziehe ich dennoch weiter gen Westen Richtung Yellowstone. Drei Ziele habe ich mir für die Königin aller Nationalparks gesetzt: 1) den „Old Faithful“-Geysir ausbrechen sehen, 2) einen Bären vor die Linse kriegen 3) und einen Sonnenaufgang über den Rocky Mountains wach mitzuerleben. Wie ambitioniert diese Vorgaben sind, wird sich zeigen…

Macheds guet!

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3 Antworten zu A Lot Of Nothing

  1. Jacob schreibt:

    Sam I love the photos! Obviously my German isn’t good enough to read your blog, but I can gather you have done so much! Hope you are well!

  2. BARBI schreibt:

    Hallo Samuel
    wieder einmal ein riesen Kompliment für diese super schönen Aufnahmen. Ich bin schon ganz begeistert nur schon vom Bilder ansehen……. Wünsche dir noch viele Abenteuer auf deiner weiteren Reise.
    Lieben Gruss
    BARBI

  3. Ursula schreibt:

    Hoi Samuel
    Tatsächlich, dieses Niemandland hat seinen Reiz, man muss nur die Augen offen halten. Die Fotos zeigen es, deine Guckerli sind stets geöffnet und die Kamera griffbereit. Einfach toll und mega spannend, man hat beim Lesen das Gefühl dabei zu sein.
    Grüsse die Bären ganz herzlich von mir 🙂
    Liebe Grüsse
    Ursula

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