Moose Ain’t Loose

Meinen Orbs-Freunden auf Hawaii hätte der Atem gestockt, wenn sie gestern mit mir unterwegs gewesen wären. Und, ich muss zugeben: auch ich habe es einen Moment lang mit der Angst zu tun bekommen auf der „County Road W“, auf der ich kurz vor Mitternacht im Nordwestlichsten Ecken von Illinois Richtung Iowa fuhr. Die „CR W“ ist eine jener ewig langen geraden Strassen, die durch das spärlich besiedelte Farmland im Norden Illinois führt. Strassenbeleuchtungen oder Mittel-Streifen gibt es keine. Alle paar Meilen kommt man an einem oft gelb beleuchteten Bauernhof mit riesigen Stahl-Silos vorbei. Ansonsten ist da weit und breit nichts: nur Felder und ab und dann eine Baum. Nachts ist es stockdunkel in dieser Region, und die Scheinwerfer sind eine Notwendigkeit, um die in der Ferne auf der Strasse hockenden Waschbären rechtzeitig zu erkennen und abbremsen zu können. Das Fernlicht zieht die Motten und Käfer zu Hunderten an. Und fast rhythmisch zerplatzen die armen Viecher auf der Windschutzscheibe. 29 Meilen gerade aus, zeigte mir mein GPS an, dann Links abbiegen auf die Country Road J. Ich ratterte angestrengt auf die Strasse schauend durch die nächtliche Einöde und stellte das Radio an, um mir nicht ganz so verlassen vorzukommen. Der Song „Like a G6“ der Neo-Band Far East Movement lief. Es ist einer jener Songs, die mich an unsere Flagstaff-Roadtrips erinnert. Ich drehte das Volumen auf und holperte zufrieden weiter entlang der CR W. Was mich erstaunte: nach einer kurzen Werbepause wurde der Song ohne Kommentar noch einmal gespielt. Das schien mir ungewöhnlich. Welche Radio-Station würde einen Song zweimal hintereinander spielen. Und während ich noch über diesen Umstand rätselte, stellte ich fest, dass mein Radio ohne mein Zutun stetig lauter wurde. Die digitale „volume“-Anzeige stieg:18…19…20…21. Es gibt im Subaru nur einen Volumen-Knopf, und der liegt weit weg von mir auf der Beifahrer Seite. 22…23…24. Ich schwöre, ich habe den Knopf nicht berührt. 25…26…27. Mich tschudderte es leicht, ich schaltete das Radio aus, schaute auf die Strasse und konnte dank der ersten Vollbremse in meinem Nach-Fahrschul-Leben gerade noch rechtzeitig abbremsen. Auf der Strasse, unmittelbar vor meinem Auto, hockten zwei hellbraune Katzen. Sie starrten mich an, ohne sich zu bewegen. Ich hupte. Die Katzen hockten. Ich hupte noch einmal. Die Katzen starrten mich an. „What the f… is this!“ hörte ich mich sagen, schaltete den Rückwärtsgang ein, backte up, machte eine kurve um die starrenden Katzen und fuhr weiter in die Nacht hinein.

Was habe ich daraus gelernt? Nun, es gibt im Leben Situationen, die ich mir ganz offensichtlich nicht erklären kann. Und da draussen, auf der County Road W im nördlichen Illinois, da geschehen rätselhafte Dinge. Und irgendwie ist das exakt genau jene Stimmung, die ich mir für meinen Trip durch die Great Planes wünschte. Illinois, Iowa, South Dakota, Wyoming: das sind unglaubliche Weiten, Einöde, Farmland. Das sind Schauplätze unzähliger Horrorfilme, Slipknot-Videos und Schauergeschichten. Vielleicht haben mich die beiden Katzen gestern Nacht einfach nur willkommen heissen wollen im American Heartland, das mich für die nächsten Tage verschlucken wird.

Um durch die Great Planes trippen zu können, musste ich vor einer guten Woche aber erst einmal zurück in die USA gelangen. Bei meinem Abstecher nach Canada habe ich alle dafür benötigten Papiere organisiert und stand dann dennoch mit Herzklopfen in Sault St. Marie an der Grenze. Die riesigen Drahtzäune, die schwer bewaffneten Polizisten und die herumlungernden Spürhunde machten mich nervös. Der Grenzbeamte, der sich meine Papiere anschaute, war dann aber ganz nett, stempelte meinen Pass ab, nahm mir meine Sweet Potatoes und meine Rüebli weg (wegen irgendwelchen Agrar-Import Regeln) und liess mich back into the US. Von der Grenze aus fuhr ich westlich durch die wunderbar grüne „Upper Peninsula“ in Michigan. Erster Halt war der Tahquamenon Falls State Park, wo ich mal wieder eine Nacht in meinem Auto verbrachte (das hatte ich in der Zwischenzeit schon fast wieder verlernt) und am nächsten Morgen zu den wegen ihrer goldenen Farbe berühmten Falls hikte. Die Färbung des Wassers wird durch „tannin“ verursacht: ein Toxid, das durch herunterfallendes Laub ins Wasser gerät und die Tahquamenon Falls sprichwörtlich vergoldet.

  
  

Von den Tahquamenon Falls aus fuhr ich nördlich Richtung Keweenaw Peninsula, die einsam und verlassen in die welligen Weiten des Lake Superior hinausragt. Auf der Fahrt ans nördliche Ende der Insel (von wo aus ich am nächsten Morgen die Fähre zum Isle Royale Nationalpark nehmen wollte) sah ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Stacheltier, staunte über die ziemlich bedrohlich wirkenden Wellen auf dem grössten Süsswassersee Nordamerikas und kam an einem Haus mit einer interessanten „Inschrift“ vorbei…

  

Die Nacht verbrachte ich in Copper Harbor, einer hübschen kleinen Hafenstadt, die kurz nach Mitternacht von einem ziemlich heftigen Sturm getroffen wurde und für die nächsten knapp 24 Stunden vom Stromnetz abgeschnitten war. Die Fähre zum Nationalpark durfte wegen dem stürmischen See am nächsten Morgen den Hafen nicht verlassen und ich sass einen Tag lang im stromlosen und dafür umso gemütlicheren Copper Harbor fest. Beim Spazieren entlang den felsigen Klippen des Sees stürzte ich und verbrachte den Rest des „Freitages“ damit, mich selbst zu verarzten (nicht meine Stärke) und zu Bemitleiden (schon eher meine Stärke). Ich genoss den wunderbaren Sonnenuntergang mit einer Büchse Yams und fand den Anfang von Highway 41. Ich stellte fest, dass ich mich noch nie nach den Anfängen von Strassen gefragt habe. Mathematisch gesprochen (oha!) waren Strassen für mich stets Geraden: nimmer endende, aus dem Nichts auftauchende Verkehrsadern. Anyway…

  

Mit meinem 32 Kilogramm Rucksack und voller Vorfreude auf „America’s last wilderness“ kam ich am Donnerstagmorgen endlich auf der Isle Royale an. Der Nationalpark liegt gut isoliert und fast gänzlich unberührt inmitten des Lake Superior, 50 Meilen von Michigan und 20 Meilen von Canada’s Southern Shores entfernt. Strassen, Strom oder fliessendes Wasser gibts keines. Dafür treiben sich in den weiten Wäldern Wölfe, Elche und Luchse herum. Ich buckelte meine Camper-Last und wanderte zur Daisy Farm, einem kleinen Campingplatz an der Ostküste der Insel. Ausser mir war niemand da. Die Ruhe und Stille waren fast unheimlich schön…

  

Highlight des Parks wären seine Wildtiere, wenn man sie denn finden würde. Die Chance auf einen Wolf ist klein. Auf der gut 500 Quadratkilometer grossen Insel leben gerade mal 12 Wölfe. Zu ihnen gesellen sich 530 Elche, die sich wegen der momentanen Gebähr-Zeit aber in ihre unzugänglichen Habitate zurückgezogen haben. Interessant ist die Geschichte der Tiere auf der Insel. Die Wölfe wanderten im Rekordwinter 1948 über den zugefrorenen See und etablierten sich ziemlich erfolgreich als neues Top-Ende der Isle Royale-Nahrungskette. Die Elche warteten nicht erst den kalten Winter ab, sondern schwammen in den 1930er Jahren kurzerhand von Canada 20 Meilen durch den Lake Superior auf die Insel. Bewundernswert, finde ich. Gesehen habe ich aber weder einen Wolf noch einen Elch, was mich ein wenige enttäuschte. Vor allem, weil ich am Tag 2 auf der Insel ganze 27 Kilometer durch die dichten Wälder wanderte, um ein bisschen Wildlife zu sehen.

Kein Wolf, kein Elch, dafür Eichhörnchen, Schlangen, Feldhasen, Gelbkopf-Schildkröten (viel kleiner als ihre Artgenossen in Florida: Darwin würde Freudensprünge machen), Kröten und in schönen Formationen umherfliegende Gänse…

  
  
  

Wildlife Highlight war der Bald Eagle (Seeadler), das Nationaltier der USA, der auf der Isle Royale nur sehr selten gesichtet wird. Ich habe ihm gut 20 Minuten lang beim auf dem Ast Hocken zugeschaut. Danach schwand meine Geduld und ich liess ihn sitzen. Ich hoffe, in den Badlands in South Dakota (da soll es die Vögel in Massen geben) ein schönes Flugbild machen zu können.

  

Von den Hauptakteuren fand ich nur Spuren, Droppings und Landschaftsstriche, in denen ich als Elch meinen Tag verbringen würde. Doch, da haben ich und die wahren Elche offenbar unterschiedliche Vorstellungen…

  

Leicht erschöpft, müde und hungrig kam ich kurz nach acht Uhr von meinem Hike zurück zum Campingplatz, nicht gerade voller Vorfreude auf die kalten Penne vom Vorabend und den harten Boden, auf dem ich die Nacht zuvor schon schlecht geschlafen habe. Und da, mitten auf dem Camping Platz, stand ein grosser Mann, der mich anschaute und laut meinen Namen rief. „Are you Mister Schumacher, Samuel Schumacher?“ – „Why do you wana know that?“ – „C’mon, are you Sam?“ – „Yeah, why do wana know that?“ Der Mann kam auf mich zu und klopfte mir auf die Schulter. Mir war das ganze ein bisschen unheimlich. „Listen, tomorrow’s ferry trip was cancelled due to stormy winds.“ Die Fähre könne nicht wie geplant am Samstagnachmittag zurück nach Copper Harbor fahren. Die einzige Möglichkeit sei der frühe Morgen. Und ich sei der einzige Camper, der noch nicht auf dem Hafen-Campingplatz eingetroffen sei. „That’s because I just came back from a day-hike.“ – „So, can you make it to the harbor by 9 am tomorrow?“ Für den Hinweg vom Hafen zur Daisy Farm brauchte ich fünf Stunden. „I’d have to get up at 3 to make sure I’m there in time.“ Der Mann klopfte mir wieder auf die Schulter. Erst jetzt stellte er sich mir als Fähre-Captain vor. „I’m Don.“ Sie hätten am Nachmittag wegen den hohen Wellen nicht mehr nach Copper Harbor zurückfahren können und „over there“ (er zeigte auf den nebligen See hinaus) „geparkt“. Wenn ich wolle, könne er mich in seinem Motorboot mitnehmen, dann könnte ich auf der Fähre übernachten und müsste nicht um drei Uhr Nachts zum Hafen hiken. „You’d like it over there. We have Hamburgers, Hotdogs and Vodka“, lachte Don. Und so packte ich meine sieben Sachen und wurde von Don in seinem kleinen Motorboot über den nebligen See chauffiert. Nach etwa 5 Minuten zeichneten sich im Nebel die Lichter der „geparkten“ Fähre ab. Sie ankerte vor der Caribou Island, einer kleinen „Vor-Insel“ der Isle Royale. Die Fähre, mitten im nebligen Dämmerungslicht, bot einen gespenstischen Anblick. Empfangen wurde ich von den beiden Mates Carl und John. Und, zum Znacht gabs dann tatsächlich Hamburger, Hotdogs und Vodka. Fast ein bisschen Klichée, drei Matrosen, die bei stürmischer See auf ihrem Schiff hocken und Vodka bechern. Anyway. Meine Gastgeber richteten mir im Schiffsbauch eine kleine Kajüte mit Matratze, zwei Kopfkissen und einem Lämpchen ein. Und so wurde aus meinem geplanten Wildnis-Trip ein recht gemütlicher Ausflug, inklusive Einzelzimmer, Grillparty und lustiger Gesellschaft…

Gut erholt landete ich am nächsten Morgen in Copper Harbor und trippte durch Michigan südwärts Richtung Wisconsin. Die nördliche Hälfte des „Dairy State“ (über 50 Prozent aller Milchprodukte der USA werden hier produziert) ist ein nicht enden wollender Laubwald mit hunderten Seen und Flüssen…

  

Je weiter südlich man fährt, umso mehr machen die Laubwälder riesigen Bauernhöfen und Grasflächen Platz. Wenn man den Norden Wisconsin generalisierend als Laubwald beschreibt, dann ist der Süden schlicht eine nicht enden wollende Kuhweide. Und – man staune – da, mitten in dieser Kuhweide, liegt das „Green County“, das Durchreisende mit einer riesigen „America’s Little Switzerland“-Tafel begrüsst. Das wollte ich genauer wissen, übernachtete im Super 8 vis-à-vis der „Käserei Roth“ und machte mich am anderen Morgen auf, den Schweizer Wurzeln der Region auf den Zahn zu fühlen. Angefangen habe ich im Cheese Store der Käserei Roth, wo mich ein urchig dreinblickender Mann begrüsste und mich durch das gesamte Käsesortiment „führte“. Woher ich denn sei, wollte er auf halber Strecke wissen. „Switzerland“, sagte ich. „A luege do, äuno ä Schwiizer!“, freute sich der Ladenbesitzer und stellte sich als „Toni“ (kein Witz!) aus Erstfeld vor. Er sei vor gut 30 Jahren hierhin gekommen, nach einem abgeschlossenen ETH-Studium. „Ond ietze verchöifi do Chääs. So chas eim go.“ Toni gab mir unzählige Tipps, was ich im Green County alles besuchen solle. Und so machte ich mich mit einer Packung Crackers und einem Stück „Urner Bergkäse“ auf nach New Glarus, dem Hauptort der Region. Neben „Baumgartner’s Famous Swiss Apple“ Restaurant fand ich die „Glarner Stube“, ein waschechtes Glarner Chalet aus dem 19ten Jahrhundert, ein „Grüetzi“-Schild (das neben der bröckelnden Wildwest-Fassade etwas deplatziert ausschaute), das Wohnhaus von „Uli der Pächter“ und eine stolze Fahnenkombination, die in der Schweiz wohl nur begrenzt auf Verständnis stossen würde. So ist das also: wir Eidgenossen haben auch unseren Flecken in der neuen Welt. In fact, wie mir Toni erzählte: „dr ganzi Süde vo Wisconsin ghört de de Schwiizer, weisch.“ Witzig, irgendwie, dieses Little Switzerland, das sich da in den Weiten der Planes gemütlich ausbreitet…

  
  
  

Am Abend gönnte ich mir einen Besuch im lokalen Autokino, wo man sich für 7 Dollar zwei aufeinander folgende Filme anschauen kann. Nach „Pirates of the Caribbean IV“ hatte ich aber genug und wollte abschleichen. Doch, der Subaru sprang nicht an. Zwei Stunden Klima-Anlage bei ausgeschaltetem Motor war wohl etwas zuviel für die Autobatterie. Und so kam es, dass ich – während vorne auf der Leinwand Vin Diesel mit seinen Kameraden in fetten Schlitten durch die Strassenfights von „Fast Five“ düste – bei meinen „Sitznachbarn“ anklopfen und sie um Hilfe für einen Jump-Start bitten musste. Der Typ rechts von mir, ein Automechaniker, hatte ein Aufladegerät bei sich und brachte meinen Subaru im Nullkommanichts zum Rattern. Ich bedankte mich und fuhr los Richtung County Road W. Aber, diese Geschichte kennt ihr ja schon…

Zum Abschluss ein Wochenrückblick im Hochformat:1) Tahquamenon Falls, 2) Ausblick vom Ojibway Mountain auf der Isle Royale hinüber zu den canadischen Southern Shores, 3) das Kleinstädtchen Houghton im Dämmerungslicht, 4) der Allen Lake im nördlichen Wisconsin.

   So long us Iowa!

Macheds guet ond liebi Grüess…

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