Shake It, Baby!

Muss man sich schämen, wenn man als Schweizer Bürger nie auch nur ein Wort aus Max Frisch’s literarischem Werk gelesen hat? Ist das verwerflich, peinlich, oder vielleicht normal? Zählt Max Frisch denn noch? Ist er relevant, oder vorüber, oder wieder im Kommen? Ich weiss nur: es lässt sich leben, auch ohne den literarischen Übervater der Nation. Es lässt sich sogar einigermassen erfolgreich Literatur studieren, ohne Frisch und dessen Schriften zu kennen. Doch dann, im hintersten Ecken von Long Island – der steinreichen Halbinsel, die östlich von New York City rund 150 Kilometer weit in den Atlantik herausragt -, kommt man plötzlich nicht mehr weiter, ohne sich mit Frisch zu konfrontieren. Montauk: ein heruntergekommener Leuchtturm, glitschig-nasse Felsklippen, übel riechende Breakfast-Schnellrestaurants entlang der löchrigen Hauptstrasse und eine handvoll leerstehender Terrassenhotels mit Ausblick auf den schäumenden Atlantik; diesen Ort hat Max Frisch ausgewählt als literarischen Schauplatz für eines seiner (laut Reich-Ranicki) einflussreichsten Werke. „Montauk“. Weshalb Montauk? Was führte dich hierhin, Max Frisch? Was in aller Welt hat dich an diesem trüben Ort derart inspiriert? Hätte sich Max Frisch Zeit genommen, die USA zu bereisen, dann hätte er sich nicht mit diesem tristen East Coast-Flecken zufrieden gegeben. Dann hiesse sein „Montauk“ „Monterey“, oder „Laina“, oder „Taos“. „Montauk“, so it be…

Roman und ich, jedenfalls, machten uns in Montauk vergeblich auf die Suche nach literarischer oder sonstiger Inspiration. Gefunden haben wir bloss scheusslichen Kaffee, überteuerte Parkplätze und einen Tross verschwitzter Pensionierter, die uns im Gegenzug für ein Gruppenfoto ein fürstliches Honorar anboten.

  

Weitaus inspirierender (wenn auch nur im architektonischen Sinn) sind die „Hamptons“ im Zentrum der Long Island, wo sich die reichen New Yorker in vergangenen Zeiten ansehnliche Multimillionendollar-Villen bauten, um übers Wochenende dem Grossstadtlärm zu entfliehen und umgeben von gleichgesinnten Upperclass-Menschen auszuspannen. Long Island wird seinem Image als Playground der New Yorker Upperclass ohnehin in Vielem gerecht. Unter der Woche scheinen die nicht enden wollenden Millionärs-Neighborhoods wie ausgestorben. Die riesigen Parks rund um die Mega-Villen sind leblos. Die schönen Strände (einer davon erhielt im letzten Jahr die Auszeichnung zum „#1 Beach in America“) sind menschenleer. Wir machten uns auf zum Neighborhood-Watching und staunten ab all den pompösen Immobilien,  den überdimensionierten Gartenanlagen und den teuren Autos in den Auffahrten. Ins Staunen brachte uns auch der riesige „Shellfish“, den wir an einem Strand ausserhalb von Southhampton fanden…

  

Per Fähre siedelten wir von der Long Island (auf der zur Zeit übrigens ein mysteriöser Serienmörder sein Unwesen treibt) über nach New Haven, Connecticut. New Haven wäre ein eher trister Ort, wären da nicht die eindrücklichen Gothik-Bauten der Yale University, die in fast sämtlichen akademischen Kategorien auf einem Top Ten Platz landet und uns brave Zürcher Studenten nur schon mit ihren Efeu-bewachsenen Mauern ins Schwärmen versetzte. Wir gönnten uns eine Führung über den Campus, besichtigten die verschiedenen Wohnquartiere der „Yalees“, schauten in der wunderschönen Bibliothek vorbei und verloren nach und nach die anfänglich noch recht hohe Zuversicht, dass auch wir vielleicht eines Tages als Studierende hier ein- und ausgehen könnten. Es war beinahe deprimierend, unserem knapp 20-jährigen Tourguide zuzuhören, wie er mit witzigen Anekdoten, scharfsinnigen Bemerkungen und einem unglaublichen Wissen aus dem Yale-Alltag erzählte. Als der angehende Biochemiker vor der Geisteswissenschaftlichen Bibliothek dann auch noch anfügte, dass er „just for fun“ nebenher Geschichte studiere und gleich darauf von seiner Forschungsarbeit über die Rolle der Confederates im Staatsbildungsprozess der jungen Vereinigten Staaten erzählte, gab ich die Hoffnung endgültig auf, jemals in diesen Mauern erfolgreich bestehen zu können. Nicht, dass ich das ernsthaft geplant hätte. Aber, wer weiss. Die Bewerbungsunterlagen für den Yale PhD habe ich jedenfalls mal auf meinem Desktop abgespeichert. Roman versuchte mich nach der Führung in einem Nebenstrassen-Starbucks (voll mit offensichtlich fleissig lernenden Yale Studenten) aufzumuntern. „Wenigschtens hends die Amis ned so met Frömdsproche“, meinte er. Die Reaktion des Aushilfs-Verkäufers an der Kasse kam postwendend. „Woher seid ihr denn“, fragte er uns in lupenreinem Hochdeutsch und erzählte, dass er mal ein Jahr in Konstanz studiert habe, um ein wenig an seinem Deutsch zu feilen. Die „Yalees“ sind mir wohl doch ein paar akademische Nasenlängen voraus. Das muss ich neidlos eingestehen…

Umgeben von Efeu-überwachsenen Mauern wirken die dunkeln Gothik-Bauten der Yale University wie eine Welt für sich. Beeindruckendes Herzstück des Campus ist die Hauptbibliothek (Bild 3), die nach dem Vorbild einer italienischen Kathedrale erbaut wurde und mit wunderschönen Lesesälen zum Verweilen einlädt…

  

Östlich von der Ivy League-Hochburg New Haven liegt Rhode Island, der kleinste Staat der USA. Wir stoppten in der Hauptstadt Newport, kehrten in der Black Pearl auf ein paar Softshell-Krabben ein, schauten uns die typischen New Englang-Holzfassaden in den Backstreets des Städtchens an und statteten der Vanderbuilt-Villa einen Besuch ab. Die Vanderbuilts machten im 19. Jahrhundert eine Menge Geld als Eisenbahn-Patrons und stellten ihren Riesenpalast nach dem 2. Weltkrieg der Öffentlichkeit als Museum zur Verfügung. Übrigens: die Vanderbuilt-Zwillinge, die Facebook-Gründer Mark Zuckerburg erfolgreich auf Ideenklau verklagten und eine erste Abfindung von 65 Millionen Dollar einsacken konnten, gehören ebenfalls zur Vanderbuilt-Dynastie…

  

Von Rhode Island aus reisten wir dem verregneten Cape Cod entlang nach Provincetown, wo man uns Unwissende mit Regenbogen-Fahnen und sehr nettem Lächeln empfing. Über 80 Prozent der Immobilien in „P-Town“ sind im Besitz von Homosexuellen, die dem herzigen Städtchen am obersten Rand des Cape Cod den stolzen Titel des „gayest town of America“ verliehen. Wir lächelten zurück, hofften auf Sonnenschein, spazierten über einen glitschigen Damm zum nördlichsten Leuchtturm der Halbinsel und kehrten im „Lobster Pot“ ein, wo ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und einen 2-Pfund Hummer bestellte. Er war fantastisch! Die Whale Watch-Ausfahrt, für die wir am zweiten P-Town Tag extra früh aus den Bed&Breakfast-Federn hüpften, war leider ein Flopp. Während vier stark schaukelnden Stunden haben wir keine einzige Flosse entdeckt…

  
  

Zum Abschied unseres WG-Trips fuhren wir für drei Tage nach Boston, wo wir den historisch angehauchten „Freedom Trail“ abspazierten, uns alte Segelschiffe und moderne Kriegsfrachter anschauten, Boston Baked Beans (eine Art Countryside-M&Ms) schlemmten, das neue Starbucks-Logo erblickten, Samuel Adams und seinen Co-Patrioten aus dem Unabhängigkeitskrieg auf dem Friedhof einen Besuch abstatteten, vom höchsten New England-Wolkenkratzer hinab ins Nebelmeer schauten und uns noch einmal an eine Ivy League-University heranwagten: Boston beheimatet die Harvard University, die sich im offiziellen Shanghai-Ranking (so eine Art Who is Who der akademischen Bildungsstätten dieser Welt) seit Jahren auf Rang 1 behaupten kann. Nördlich von Boston schauten wir beim Witchhunt-Memorial in Salem vorbei. Salem wurde 1692 zum Schauplatz der wohl tragischsten Hexenprozesse der amerikanischen Geschichte. Auf dem Memorial findet man die Namen aller Hingerichteten „Hexen“ in Stein gemeisselt, schlicht und trist, und vielleicht gerade deshalb ziemlich eindrücklich…

1) Das Nebelmeer hat uns bis nach Boston verfolgt; 2) von diesem Balkon herab wurde den frühen Siedlern die Unabhängigkeitserklärung verlesen. Boston wurde in den darauffolgenden Jahren zum Epizentrum des American War of Independence; 3) die USS Constitution wurde in den Seeschlachten gegen die Engländer mehrmals erfolgreich eingesetzt und schaukelt heute im Hafen gemächlich vor sich hin; 4) in der Christian Science Church (im Vordergrund) kann man tagsüber die weltgrösste Kirchenorgel besichtigen; 5) das neue Starbucks-Logo; 6) Samuel Adams & Co versuchen hier unter dem Getrampel der Touristenscharen zur Ruhe zu kommen; 7) eine der vielen Halls auf dem Harvard-Campus; 8 ) die John Harvard Statue (wer kennt die drei berühmten Lügen?); 9) Schriftzug auf dem Witchhunt Memorial in Salem…

  
  
  

Roman ist vor ein paar Tagen wieder abgereist. Was bleibt sind ich und mein klappriger Subaru, den ich in Toronto ein weiteres Mal gründlich durchchecken liess. Diesmal nicht von einem schwer verständlichen Mechaniker in einer schummrigen Nebenstrasse, sondern vom Subaru Master Technician an der emsigen Yonge Street. Der Mann hat den Subaru für eine milde Spende fein herausgeputzt, das Computer-Programm (von dessen Existenz ich bisher gar nichts wusste) upgedatet und die Fuel Efficiency des Autos dadurch deutlich verbessert. Das Klappern, das bleibt mir aber trotz all den Eingriffen erhalten. Das Schaltgetriebe ist’s, das da so vor sich hinrattert. Die 5’000 Dollar Reparatur gönne ich mir nicht. Sorgen mache ich mir vorläufig aber auch keine mehr. Ein Sicherheitsrisiko besteht nicht, und das Getriebe sollte es locker noch ein paar Wochen schaffen, meinte der Mechaniker. On verra.

Ich bin on the way to Michigan, werde morgen in Sudbury vorbeidüsen, wo meine Schwester ihr Austauschsemester verbrachte, und Anfang nächste Woche für ein paar Tage im Isle Royale Nationalpark verschwinden. Da gibts Wölfe, Bären, Elche und hie und da sogar ein paar Funken Nordlicht. Ich hoffe auf bildtechnisch gutes Blog-Futter und friedliche Begegnungen mit den vierbeinigen Inselbewohnern.

Bes gly, I am where the wild things are…

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