187 Days

WWJC, eine dieser Abkürzungen, denen man heute überall begegnet und die das Lesen und Leben so manchmal eher verkomplizieren als verschnellen. WWJC, wer wagts? Nun, zugegeben, dieses Exemplar gehört zu den schwierigeren, die ich kenne. Ich kann mich daran erinnern, dass ich in meiner Bez-Deutsch-Abschlussprüfung zwei Abkürzungen „interpretieren“ musste. Eine davon war „gut N8“. Das war vor acht Jahren. Heute ist die Sache mit den Abkürzungen komplizierter. WWJC? Nicht? Nun gut, WWJC steht für „What Would Jesus Cut“. So nennt sich eine neu formierte und in den letzten Tagen stark gewachsene politische Bewegung in den USA, die mit an sich ganz vernünftigen Vorschlägen zur Budget-Debatte im Land an die Öffentlichkeit tritt. Zu den Hintergründen: im Senat und dem Repräsentantenhaus diskutieren amerikanische Politiker seit Tagen über das aktuelle Budget. Während die Demokraten befürchten, dass allzu grosse Einsparungen Bildungsprojekte, die Krankenversorgung der Bevölkerung und die medizinische Forschung gefährden könnten, wollen die Republikaner die wirtschaftlich angeschlagene Nation mit einem radikalen Sparkurs gesund-päppeln. Eine Einigung ist trotz grossen Zugeständnissen von Seiten der Demokraten noch nicht in Sicht. Wenn die Landespolitiker bis Freitagabend keinen Kompromiss finden, kommt es zum sogenannten „government shutdown“. Landesweit würden zahlreiche vom Staat betriebene Institutionen vorübergehen schliessen. Nationalparks wären für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich, man könnte keine neuen Pässe beantragen oder sich nicht für die Autoprüfung einschreiben. Für einen modernen Industriestaat wie die USA wäre das äusserst peinlich. So, what would Jesus do? Wahrscheinlich würde er das Problem bei den Wurzeln packen und das auf Konfrontation und gegenseitige Schuldzuweisungen ausgerichtete amerikanische Zwei-Parteien-System aufbrechen. Er würde die republikanisch-demokratischen Streitereien beenden und die blockierende Tea Party über Bord werfen (das war jetzt gerade sehr gebildet, historisch betrachtet…). Er würde ein kompromissbereites Parlament aus dem Boden stampfen und die Polit-Garde auf Konsens trimmen. Das würde Jesus tun. Tut er leider aber nicht. Nun, wenigstens sorgt er für eine unterhaltsame Sidestory im lächerlichen Getue der amerikanischen Polit-Elite.

Eine durch das drohende Sparprogramm gefährdete Institution ist das American Public Media-Netzwerk, zu dem auch die National Public Radio-Sendungen (NPR) gehören. NPR ist ein treuer Begleiter auf meinem Roadtrip. Mit objektiven und spannenden Hintergrund-Sendungen zu allen möglichen Themen bietet NPR eine hörenswerte Alternative zu all den radikal-evangelischen Radiosendungen, die man im ganzen Land in grosser Zahl empfangen kann und die mit ihren verschwörerischen Ansichten zu Gott und der Welt mindestens bei mir immer wieder für kräftiges Kopfschütteln sorgen. NPR wurde in den letzten zwei Wochen zu meinem „Roadtrip-Soundtrack“. Ich bin weit herumgekommen in diesen Wochen, habe grosse Distanzen zurückgelegt und fühlte mich teilweise etwas gestresst von all den Terminen, die ich mir selbst aufbrummte. Nach dem Swissness-Weekend in Atlanta mit meinen beiden fellow Swiss-Exchangestudents fuhr ich Richtung Memphis, Tennessee. Auf dem Weg dorthin machte ich Halt in einem Lost&Found Shop, der den Inhalt von nicht abgeholtem Gepäck am Atlanta Airport zu Spottpreisen zum Verkauf anbietet. Für 9 Dollar habe ich mir ein paar T-Shirts und eine Jacke gekauft und trippte danach weiter zum Little River Canyon National Monument. Der nebelverhangene Canyon im nordöstlichsten Ecken Alabamas bietet etwas ganz Spezielles: den inoffiziell steilsten Wanderweg östlich des Mississippi. Den liess ich mir nicht entgehen…

Memphis, mein nächster Halt, „is all about the music“. Elvis Presley hat hier gelebt, gerockt und gerollt. Gibson baut hier seine weltberühmten Elektro-Gitarren und Johnny Cash hat in der emsigen Stadt am Ufer des Mississippi die meisten seiner Alben eingespielt. Noch heute lebt Memphis von den „dead stars“, deren Rum und Sound auch Jahrzehnte nach ihrem Tod durch die Backstein-gesäumten Strassen dröhnt, aus den verrauchten Clubs schallt und von zig Strassenmusikern live aufgeführt wird. Memphis ist trotz all diesem Lärm eigentlich eine gemütliche Stadt mit einer spannenden und zugleich tragischen Geschichte. Spannend deshalb, weil die Vergangenheit als Handelsstadt, die einstigen Golden Years als Heimatort vom Übermenschen Elvis und die moderne Realität als zuweilen arm und verlassen scheinende Metropole überall ineinander hineinspielen. Unmittelbar neben der Beale Street, dem schallenden Touristen-Brennpunkt, ragen verlassene Industriebauten in die Höhe, die ihre Schatten auf die edel wirkenden Villenviertel unten am Ufer des breiten Mississippi werfen. Tragisch unter anderem deshalb, weil der Bürgerrechts-Pionier Martin Luther King hier erschossen wurde und weil Rassismus noch immer zur Tagesordnung gehört. Das zumindest hat mir Jimmy erzählt; Jimmy, die tragische Hauptfigur meiner Memphis-Tage:

Ich stand vor den verschlossenen Türen der Gibson-Fabrik, etwas enttäuscht darüber, dass ich den Gitarren-Bauern bei ihrer faszinierenden Arbeit nicht über die Schultern schauen konnte. Mit umgehängter Kamera und aufgefaltetem Stadtplan lief ich nicht sehr zielsicher los in jene Richtung, in der nach meiner Auffassung das Sun Studio sein musste; das Sun Studio, in dem Elvis, Johnny Cash und U2 ihre Alben einspiel(t)en und das ich mir gerne von innen angeschaut hätte. „U lookin for something bro?“, wollte ein auffällig grosser Afro-Amerikaner wissen, der mich auf dem Trottoir überholte und unter seiner Kapuze hervor anäugte. Ich konnte mir vorstellen, worauf der Wortwechsel hinauslaufen würde. Doch, was sollte ich tun. „Sun Studio, is this the right direction?“ Er lachte. „No, bro, I’ll show you.“ Ich schaute mich um. Viel war nicht los in der Umgebung. Keine potentielle Gang, keine weiteren Kapuzen-Träger, nichts Auffälliges. „Ok, thanks“, sagte ich und machte gemeinsam mit meinem riesenhaften Begleiter rechts um kehrt. Jimmy, sagte er, und quetschte mir die Hand. Er sei von hier. Alles sei gerade sehr schwierig. Er erzählte von seiner Frau, die mit gebrochenen Rippen im Spital läge, von seinen Töchtern, die zu Hause Probleme machten, von der Miete, die er nicht bezahlen könne. Das hat mich an sich nicht überrascht. Typen wie Jimmy sind leicht zu durchschauen. Ihre Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft sind ungewöhnlich und fast unheimlich. Doch, am Ende der Story kommt fast immer eine Gegenforderung. Und während mir Jimmy im Schnellzugstempo von seiner schwierigen Situation erzählte, versuchte ich abzuschätzen, wie viel er von mir am Ende unseres gemeinsamen Spaziergangs wohl verlangen würde.

Bis zum Sun Studio brauchten wir gut 20 Minuten. Ich hatte Hunger und wollte vor der Studio-Tour irgendwo etwas Essen gehen. „U wana eat something?“, fragte ich Jimmy, der schon zum Finale ansetzen wollte und mir erzählte, er brauche „6.25 for the bus-ticket back home“. „Sua“, meinte Jimmy und begleitete mich in die Imbissbude auf der anderen Strassenseite. Ich kaufte uns ein paar Sandwiches, Softdrinks und Snickers und setzte mich draussen mit Jimmy hin. Er bedankte sich nicht, redete aber zwischen den Bissen weiter über sein schwieriges Leben. „187 days, that’s all I have, bro. Then they send me back in.“ Wohin schicken sie dich denn, fragte ich. „Afghanistan, for the third fuckin‘ time.“ Aus seiner Hosentasche grübelte er ein paar Zettel und Kärtchen hervor und legte sie auf den klebrigen Plastiktisch. Die Afghanistan-Geschichte war offensichtlich wahr. Auf dem „Marschbefehl“ stand in fetten Lettern „Fuck That, Why Me, Why Again!!!“ Zweimal sei er schon da gewesen. „It’s the freakin hell.“ Er sei ein Ranger, springe aus dem Flugzeug direkt in die Kampfzone. Keiner dieser „white soldiers“, die sich die Bürojobs schnappen würden und dafür haufenweise Auszeichnungen erhielten. „I’m doin the real thing, the dangerous stuff, u understand.“ Jimmy wurde ernst. Er wurde laut und wütend. Die Regierung schicke ihn zum dritten Mal in den Krieg, in 187 Tagen. Ein ganzes Jahr lang müsse er bleiben. „I’m not gonna make it, not again, not again.“ Er blickte an die graue Wand neben uns, haute auf den Tisch. Er verstehe das nicht. Wieso würden sie Familienväter dreimal in den Krieg schicken. Wieso nicht einen anderen, wieso ihn. Jimmy stopfte sein Snickers in die Tasche. „I gotta go home now, gotta catch the bus, I need 8 dollars for the bus, can u help me out, bro?“ Ich hatte Mitleid mit Jimmy. 187 Tage blieben ihm, und in diesen Tagen wartete wohl nicht sehr viel Erfreuliches auf ihn. Ich gab ihm die acht Dollar, und fragte mich, wie er sie wohl investieren würde. Vielleicht war das gut so, vielleicht nicht, wer weiss das schon. Ich stand auf, räumte den Tisch und wünschte ihm viel Glück. Jimmy aus Memphis, immerhin hatte er mir den Weg zum Sun Studio gezeigt…

Bilder 1-3: Graceland, Elvis Presley’s legendäre Mansion, in deren Garten der King of Rock n’Roll begraben wurde. / Bilder 4-6: die Beale Street und das nahegelegene Lorraine Hotel, in dem Martin Luther King 1968 erschossen wurde. / Bilder 7-9: das altehrwürdige Sun Studio, in dem Presley, Cash und U2 ihre grössten Hits einspielten.



Von Memphis aus folgte ich dem „Mighty Mississippi“ Richtung Süden. Auf Nebenstrassen trippte ich durch das ländliche Mississippi, die mit Abstand ärmste Region, die ich in den USA bisher gesehen habe. Viele der kleinen Ortschaften, an denen ich vorbeifuhr, wirkten zerfallen, verlassen und arg vernachlässigt. Eingeschlagene Fenster, abbruchreife Schulhäuser (Bild 2) und halb eingestürzte Kirchen (Bild 3) prägten das Ortsbild in fast jedem Dorf. Auf den Strassen sah ich fast ausschliesslich junge Afro-Amerikaner, die der Armut mit gleichgültiger Passivität zu begegnen scheinen und die eintönigen Tage offensichtlich ungenutzt an sich vorbeiziehen lassen. Ich fühlte mich unwohl an diesen Orten, die landschaftlich nichts desto trotz viel zu bieten haben. Der Mississippi, dessen Wasserstand bei meinem Besuch ungewöhnlich hoch war, wie mir eine ältere Dame in der Altstadt von Vicksburg erzählte, kurvt in eleganten Schlaufen durch das dichte Grün der Region. Überall spriessen gelbe und blaue Blumen, Mangroven-artige Bäume ragen aus dem spiegelglatten Wasser und immer wieder verwandeln sich die weiten Felder links und rechts der Strassen in dunkle Sümpfe, in denen schneeweisse Vögel umherwaten. Mein Natur-Highlight war aber der gut drei Meter lange Alligator, den ich bei einem Foto-Stop zufällig entdeckte, und der bei meinem Annäherungsversuch leider sofort „flüchtete“. Erwischt habe ich ihn trotzdem (Bilder 7-9). Ein unglaublich schönes Tier, nicht?



Am Ende des Mississippi, dort wo der breite Strom in den Golf mündet, liegt New Orleans, Home of the Blues und Home of Sara Ormes, meine ehemalige WG-Mitbewohnerin und Klassenkollegin. Sara und ihr Mann Ryan haben mich in ihrer hübschen Wohnung am Stadtrand aufgenommen und mir in vier äusserst unterhaltsamen Tagen „N’ooliins“ gezeigt. Po-Boys (Sandwich mit frittierten Shrimps) an der Bourbon Street, Live Blues im „The Spotted Cat“, Tramfahrten durch den Garden District, ein Besuch im eindrücklichen World War II Museum, ein traditionelles Schweizer Fondue (@ Dave: dini  Moitié-Moitié Meschig hed ehre Dienscht to…;D), lange Film- und Baileys Nächte und ein „Kino-Surfing“-Tag: life is sweet at times…


Eindrücklich war meine Solo-Fahrt durch den „Ninth Ward“, jene Region, die von Hurricane Katrina 2005 am schlimmsten verwüstet und seither nur notbedürftig wieder aufgebaut wurde. Zerfallene Häuser und verdreckte Strassen prägen das Bild. An den zugenagelten Türen hängen amtliche Räumungsnotizen und an den Kreuzungen betteln bemittleidenswerte Obdachlose um Unterstützung. Unheimlich wurde mir mein Ghetto-Ausflug, als ich am Strassenrand einen Rastafari erblickte, der in der rechten Hand eine Maschinenpistole hielt und offenbar über oder auf die Strasse laufen wollte. Umkehren konnte ich nicht mehr, Vollgas geben schien mir keine gute Option. Also hielt ich an und winkte ihm möglichst harmlos und freundlich zu. Er winkte mit seiner Waffe zurück, ging über die Strasse und blieb stehen. Ich fuhr an ihm vorbei und um die nächste Ecke. Alles in Allem ist es erstaunlich, in welch schlechtem Zustand dieser relativ grosse Stadtteil von New Orleans fast sechs Jahre nach Katrina noch immer ist. Vor dem Hintergrund der aktuellen Budget-Debatte müssen sich die Bewohner der „Ninth Ward“ wohl weiterhin gedulden. Geld fürs landeseigene Ghetto bleibt in den USA auch dieses Jahr kaum übrig…


New Orleans liegt hinter mir. Ich bin mitten in Florida, in einem dieser Spottpreis-Motels, die mich weniger kosten als die hiesigen Camping-Optionen. Morgen setze ich zum Final-Descent nach Miami an. Am Freitag empfange ich dort hohen und höchst willkommenen Besuch. Ich freue mich unglaublich!

Zum Abschluss ein paar Snapshots meines heutigen Roadtrips entlang der Golf-Küste…

Möcheds guet ond hebed Sorg!

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2 Antworten zu 187 Days

  1. annelies kost büttikon schreibt:

    lieber samuel.endlich kann ich dir danken für die schöne karte.das war eine riesen überraschung.kam im richtigen moment.kam gerade von einer beerdigung eines lieben freundes.der mir 52 jahren viel zu früh gehen musste.nach einer tanzaufführung tot zusammengesunken.warum erzähl ich dir das.ein zeichen,dass man seine träume leben muss.davon bin ich sehr überzeugt.du fragst mich nach meinen träumen.ich versuche ,oder habe,sie wirklich gelebt.im moment ist es in der ruhe,zu hause.weil ich wirklichdie energie nicht habe.die schmerzen schränken ein.deshalb bin ich ja mit dir auf reisen,und genisse es sehr.deine berrichte sind so spannend.wir waren im november auf den malediven.mein mann taucht.und für mich war das auch eine ideale reisedestinaation.sehr schöne natur.sehr ruhig,aber für mich war der flug sehr anstrengend.vor meinem unfall war ich ein paar mal in der karibik.hat mir sehr gefallen.mein hobby war steeldrum spielen,und salsa tanzen.
    habe sehr viel schönes erlebt.davon kann ich nun zehren.
    was ich vorher mit power gelebt habe,muss ,darf ich nun in der ruhe finden.
    möchte das beste aus der jetztigen situation machen.
    nun weisst du etwas mehr von deiner anhängerin.weiterhin schöne reise
    gruss auch von johan(macht gerade zivildienst,da er vor dem studium dieses thema abschliessen möchte,er hat rs gemacht und 1 wk.im herbst möchte er in brugg die fachhochschule in systemtechnik machen)
    viele grüsse annelies kost

    wir haben übrigens mega schönen frühling.

  2. Sara from the Office schreibt:

    This is a nice blog.

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