Enchanted I Am

„Land of Enchantment“ (Land der Verzauberung) steht gross über dem Empfangsschild New Mexico’s, einem der ärmsten Staaten der USA, den man leicht übersieht, wenn man sich die US Karte anschaut. Nicht wegen seiner Grösse, die ist nämlich beträchtlich. New Mexico ist um ein Haar so gross wie Deutschland. Übersehen könnte man das Land of Enchantment aber, weil es einfach ein weiterer dieser viereckigen Wüsten-Staaten im Südwesten des Landes ist. Ein hellbrauner Fleck, Sand, Staub, Steine, nichts weiter. Doch wie mir scheint hat New Mexico tatsächlich die Kraft zu Verzaubern. Im vermeintlichen Nichts der weiten Wüste versteckt sich viel mehr, als ich mir gedacht hätte. Und so kam es, dass aus meinem geplanten Kurzbesuch hier ein fast zweiwöchiger Aufenthalt wurde. Dies, auch wenn der Empfang an der Grenze nicht unbedingt sehr „enchanting“ war. Obwohl ich aus Arizona (und nicht aus Mexico) angereist kam, wurde ich von der Grenzpatrouille kontrolliert. Amerikaner? – Nein. – Nicht? Ok, dann Papiere. – Die sind im Rucksack. Ich wusste nicht, dass ich hier in eine Grenzkontrolle komme. – Ihren Pass, bitte. – Ok, er ist im Rucksack im Kofferraum. Darf ich aussteigen? – Moment… Woher sind sie? – Switzerland. – „Oh, Switzerland. (der Boarderpatrol-Mensch schaute mich sehr viel relaxter an). No, you’re good. Have a nice trip!“ Switzerland, das hilft manchmal. Das ist kein Gerücht und kein stolzes Vorurteil, sondern wahr. Switzerland, und die Welt ist (meist) in Ordnung.

Nach der Einsamkeit des White Sands National Monument und meinen unglücklichen Stunden nach dem Laptop-Crash brauchte ich etwas human interaction, um mich wieder in Stimmung zu bringen. Ich entschied mich, im Acoma Indianer-Reservat vorbeizuschauen und mir eine Führung durch die dortige „Sky City“ (das alte Acoma wurde auf einem Fels hoch über den umliegenden Weiten erbaut) zu gönnen. Über die traurige Geschichte Acoma’s hat mir Professor Michael Amundson an der NAU schon einiges erzählt. Und irgendwie blieb mir das meiste, was der historisch versierte Zweimeterzehn-Riese mit seiner wohlig tiefen Stimme von sich gab. Die Acoma Indianer lebten im Einklang mit der Natur und den benachbarten Stämmen, bis Juan de Onate – ein spanischer Eroberer, der von Cortez nach Norden entsandt wurde, um nach Gold zu suchen – Ende des 16ten Jahrhunderts in ihren Ländereien auftauchte, die Indianer zum Christentum „bekehrte“ und für viel Unmut sorgte. In den 1590er Jahren kam es deswegen zur „pueblo revolt“, in der sich die Acoma gemeinsam mit anderen Stämmen gegen die spanischen Eroberer zur Wehr setzten. Onate liess sich von den Aufständischen aber nicht sonderlich beeindrucken, schlug den Aufstand gewaltsam nieder und liess allen männlichen Bewohnern Acomas wahlweise einen Fuss oder eine Hand abhacken, damit sie nicht vergessen würden, wer jetzt hier das Sagen habe. Diese traurige Anekdote hat mir der Tour-Guide, der mich und ein paar andere Touris durch die Gassen des schönen Acoma Pueblo’s führte, interessanterweise nicht erzählt. Ich habe mich nicht getraut, danach zu fragen. In der von Geistern und bösen Erinnerungen nur so strotzenden Indianer-Welt hätte diese Frage unter Umständen eine nicht sehr freundliche Reaktion zur Folge gehabt. Also liess ich mein historisches Interesse bei Seite und genoss dafür die lehmigen Adobe-Bauten…


Von Acoma aus fuhr ich entlang dem hügligen „Turquoise Trail“ Richtung Santa Fe. Im Hippie-Dörfchen Madrid stoppte ich für einen Kaffee und einen fantastischen „Lemon-Poppy-Seed Muffin“…

Santa Fe selbst, wie es meine Lonelyplanet treffend schreibt, „is all about the art“. Von Künstlern, Galerien und Ausstellungen wimmelt es nur so in den Gassen der Altstadt. Doch, eines der vielen Dinge, die ich in meinem Leben noch nicht entdeckt habe, ist die Begeisterung für Kunst (Fotografie, wenn man das als Kunst betrachten will, ausgeschlossen). Also entschied ich mich, all die Galerien mit ihren wirren Bildern und rostigen Skulpturen bleiben zu lassen und mich stattdessen etwas viel Faszinierenderem zuzuwenden: Kirchen. Wenn auch nicht aus religiösen Motiven, so habe ich mich seit meinem Besuch in der „St. Benedict Painted Church“ auf der Big Island doch zu einer Art Kirchgänger gemausert. Um den Gotteshäusern auch ohne religiöse Besinnung etwas abgewinnen zu können, gehe ich bei meinen Kirch-Besuchen nach dem immer gleichen Prinzip vor: ich schlendere dem Kirchgang entlang bis zum Altar (oder zur Abschrankung vor dem Altar), drehe mich um, blicke zur Orgel hinauf, setze mich dann in die dritte Bankreihe und „fühle“ die Kirche. Das Vorgehen garantiert etwas Besinnung, etwas Entspannung und vor allem ein paar Parameter, anhand derer man die diversen Bauten miteinander vergleichen kann. „church rating“, nenne ich das Ganze. Ich habe bei der mächtigen St. Francis Cathedral (Bild 1), der Loretto Chapel (Bild 2) und der San Miguel Mission Church (Bild 3), der ältesten Kirche der USA, vorbeigeschaut und mich ausführlich entspannt…

Die Temperaturen rund um Santa Fe waren deutlich niedriger, als ich erwartet hätte. Und meine Idee, die beiden Santa Fe-Nächte auf einem schattigen KOA-Campground ausserhalb der Stadt in meinem Zelt zu verbringen, war etwas gewagt. Das Thermometer fiel in der Nacht auf unter Null grad (mindestens laut meiner Subaru Temperatur-Anzeige) und mein finnischer High-End-Schlafsack bemühte sich vergeblich, mich warm zu halten. Ich schlotterte mich durch die dunklen Stunden und flüchtete am zweiten Morgen ins geheizte Kapitol der Stadt, wo der Senat New Mexico’s tagt, und wo man zu meinem sehr grossen Erstaunen ohne jegliche Sicherheitskontrollen über sich ergehen lassen zu müssen den Senats-Sessions beiwohnen kann. Mit Kamera und Rucksack und Picknick setzte ich mich in die Zuschauerränge des Senatssaals und verfolgte die Debatte der New Mexico Abgeordneten über eine neue „healthcare reform“, die auf Staats-Level angepackt werden soll. Was mich bei meinem ersten Besuch einer amerikanischen Senats-Debatte besonders beunruhigte, waren nicht die zahlreichen Burgerking-Papiertüten, die auf den Tischen rumlagen und nicht die nicht-vorhandenen Sicherheitsmassnahmen. Was mich störte war die Unprofessionalität der Abgeordneten. Einer der Senatoren verlangte das Wort, nur um alle darauf hinzuweisen, dass man in der Nacht die Uhr um eine Stunde vorstellen müsse, aber nur als Demokrat. Die Republikaner sollen die Zeit um 100 Jahre zurückdrehen, dann würden sie da landen, wo sie hingehörten. Die Antwort kam postwendend. Ein Republikanischer Abgeordneter verlangte das Wort und sang während etwa einer Minute ein mir unverständliches Lied in sein Mikrofon, das offensichtlich anti-demokratisch war und die ganze Republikaner Garde zum Lachen brachte. Der House-Speaker (der „Chef“ des Parlaments, der vorne am grossen Pult sitzt und über seine Mit-Politiker „wacht“) lieferte ebenfalls einen Beitrag der eher unwürdigen Art. Er unterbrach die Debatte zweimal, aber nicht, um etwas Nützliches beizufügen, sondern um den Zwischenstand eines Basketball-Spiels des lokalen College-Teams bekannt zu geben. Als politisch nicht aktives Mitglied unserer Gesellschaft sollte ich mich mit meinen Kommentaren über Menschen, die ihre Zeit für ein politisches Amt opfern, zurückhalten, ich weiss. Aber trotzdem, so wird das doch nichts, liebe Abgeordnete. Unter leisem Protest verliess ich das Senatsgebäude und überlegte mir bei einem Crèpe in einer französischen Bar, ob, und wenn ja, dann wie und für was ich mich back home in Zukunft politisch engagieren soll. On verra…

Ich verliess Santa Fe nach zwei Tagen und fuhr durch die karge Bergwelt Nord-New Mexicos in Richtung Taos. Auf dem Weg machte ich einen längeren Stop in Los Alamos, der „Secret City“, wo die Amerikaner unter Beitun einer internationalen Wissenschafts-Truppe (featuring Albert Einstein und Co.) in den frühen 1940er Jahren an der ersten Atombombe rumzutüfteln begannen und im Frühjahr 1945 schliesslich die ultimative und – je nach Ansicht – kriegsentscheidende Waffe entwickelten. Im Bradbury Science Museum habe ich mich über die Geschichte der Atombombe und des immer noch aktiven Los Alamos Forschungszentrums informiert und darüber gestaunt, wie kritisch die Aussteller die Atom-Energie der eigenen Regierung kommentieren…

Die nächsten zwei Nächte verbrachte ich in einer ziemlich ausgeflippten Jugi in Taos. Tagsüber floh ich vor all den Hippies und Junkies und schlenderte durch die Gassen der einstigen Missionars-Stätte. Auch in Taos wimmelt es von Künstlern und Galerien, und auch hier kann man sich wunderbar beim „church raten“ erholen…

Man kann über die zweithöchste Brücke der USA spazieren, die über die Rio Grande Schlucht führt…

… man kann sich die nahegelegene „Earthship“-Siedlung anschauen, wo sich eine Gruppe von Umwelt-Aktivisten aus Reifen, Altglas und Lehm eine ökofreundliche und ziemlich stylische Kommune aufgebaut hat. Die multifunktionalen und umweltfreundlichen Bauten haben mich irgendwie fasziniert. Unter www.earthship.org kann man sich etwas ausführlicher über die Kommune und ihre Aktivitäten informieren. Die Earthship-Bauteams kann man auch engagieren, um sich irgendwo auf der Welt sein eigenes Earthship bauen zu lassen. Ich habe mir das notiert…


… man kann sich in Adobe-Hinterhöfen auf alte Bänkli setzen und nachdenken, patriotische Autonummern fotografieren oder auf die weiten Felder hinausfahren, um den Sonnenuntergang zu geniessen. Letzteres ist aber nur möglich, wenn man sich nicht von der Polizei der eingeborenen Taos-Indianer erwischen lässt. Das Land gehört ihnen, und ist für Weisse „forbidden land“, wie mir der indianische Ordnungshüter aus seinem massigen SUV heraus zuschrie.

… oder man kann durch die Rio Grande Schlucht wandern und darauf hoffen, eines der Adlerpaare, die hier nisten, zu sichten.

Von Taos aus reiste ich wieder Richtung Süden, vorbei an Cimarron, wo ich bei einem artistisch gesehen eher speziellen Grab vorbeikam; vorbei am Bottomless Lakes Statepark, wo ich „Roadrunner“ Vögel sah und in einem der Seeen planschte; vorbei an Roswell, wo 1947 eine UFO abgestürzt sein soll und wo man sich in einem ziemlich schlechten Museum über alle möglichen Aliens und ihr irdisches Treiben informieren kann; hinunter zum Carlsbad Caverns National Park, wo man durch die wunderschönen Tropfsteinhöhlen spazieren und mexikanischen Fledermäusen bei der Insektenjagd zusehen kann.

New Mexico war äusserst enchanting. Auf meiner Reise Richtung Miami bleibt mir nun wohl kaum noch genügend Zeit, um all meine texanischen Pläne und Deep South Trips zu verwirklichen. Mal schauen, was sich machen lässt…

Bes gly ond hebeds guet…

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Eine Antwort zu Enchanted I Am

  1. Ursula schreibt:

    Hoi Samuel
    dieses Gebiet scheint wirklich nicht sehr bevölkert zu sein und doch zeugen die Berge von Müll, dass hier doch Menschen leben. Du bist laut Karte doch wieder ein ganzes Stück weiter gekommen. Nicht mehr so weit entfernt von Miami. Einfach nur schön und interessant, deine Texte und vorallem die Fotos. Man kann in Gedanken bei dir sein und mitverfolgen, was du gerade erlebt.
    Liebe Grüsse
    Ursula

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