Day One

Insgesamt dreimal habe ich an der Reception im Grand Canyon Hostel das Glöckchen geläutet. Immer aus dem selben Grund: ich wollte länger bleiben. Nicht etwa, weil ich im Hostel besonders gut geschlafen hätte. Mein Bett war viel zu kurz, der Schlafraum eng und stickig und die Gäste Party-, und nicht wie ich, Schlaf-Freudig. Verlängert habe ich, weil ich nicht gehen wollte. Eigentlich ja logisch. Flagstaff kann einem ganz schön ans Herz wachsen, wenn man sich erst einmal eingelebt und sich an den immer-blauen Himmel, die netten Menschen und das Rattern der Güterzüge gewöhnt hat. Und doch hat sich in mir in diesen ruhigen Flagstaff-Tagen eine unbändige Lust auf das weite Amerika eingeschlichen. Ich habe Pläne geschmiedet, Routen skizziert und mich aufs Reisen eingestellt. Am Montagmorgen, ohne mich gross zu verabschieden, bin ich davongeschlichen und Richtung Westen losgebraust. Ich, mein Subaru, meine zwei Kleiderboxen, die Tragtaschen-Küche, die Proviamt-Schachtel, der schwarze Chill-Stuhl, mein Zelt und mein Schlafsack, meine Rollkoffer-Bibliothek und die Gitarre, meine Reiseführer, meine Roadmaps, mein tönerner Schutzengel, drei Gallonen Trinkwasser, zwei Notfall-Benzinkanister, ein Jagdmesser, zwei Taschenlampen, mein Wanderrucksack und meine Nikon D90. Es war ein winning moment, als ich in meinem „rolling home“ auf den Highway 40 einbog und aus Flagstaff raus Richtung Westen fuhr. Es war gut, Day One meines grossen Roadtrips endlich in Angriff nehmen zu können.
Ein paar Meilen nach Kingman bog ich von der Interstate 40 ab und trippte weiter entlang der Old Route 66. Interstates möchte ich auf meiner Reise grundsätzlich meiden. Sie bringen einen im Schnelltempo quer durch das Land, ohne dass man viel von der Umgebung mitbekommt. Roadtrippen macht erst auf Nebenstrassen und Schleichwegen so richtig Spass. Und was gäbe es für einen besseren Schleichweg als die Route 66.

Den offiziell ersten Halt meines Roadtrips machte ich inmitten der weiten Steppenwüste Arizonas, bei den Grand Canyon Caverns. Die Höhlen haben an sich nichts mit dem Grand Canyon zu tun, schmücken sich aber dennoch mit dem klingenden Namen, weil der Besitzer behauptet, dass ein unterirdischer Luftgang seine Höhle mit dem Grand Canyon verbindet. Das bezweifle ich, aber, anschauen kann man sie ja trotzdem. Bob, der mich etwas mürrisch durch die Höhle führte, wies mich im Tonband-Tonfall an verschiedenen Stellen auf die Gesteine in den Höhlenwänden hin und erzählte aus der Geschichte der Höhle. Spannend an den Grand Canyon Caverns sind im Wesentlichen drei Dinge: 1) vor rund 20’000 Jahren wurden die Höhlen von riesenhaften Vorgängern der Murmeltiere bewohnt. Skelett- und Krallenfunde zeugen von den Mega-Murmis, die hier ihr Unwesen trieben. Ganz hinten in der Höhle steht ein rund vier Meter hoher Original-Nachbau eines solchen Tieres, der mich ziemlich beeindruckt hat. 2) Während der Kuba-Krise 1962 wurde die Höhle von der US-Regierung als Proviamtlager verwendet. Rund 2’000 Personen hätten im Notfall in den Grand Canyon Caverns Unterschlupf gefunden. Das Proviamt, originalverpackt und verstaubt, steht noch immer in einem der Höhlenräume. 3) Die Höhle ist „Heimat“ des inoffiziell grössten, ruhigsten und dunkelsten Hotelzimmers der USA. Für 700 Dollar kann, wer will, sich das gemütlich wirkende und schön ausgeleuchtete Openair-Zweierzimmer mieten. Eine Nacht in den Caverns ist sicher ein spezielles Erlebnis. Vor allem dann, wenn man im Bett liegend an den Nachbau des Mega-Murmis da hinten in der dunkeln Ecke nachdenkt…

Rund hundert Kilometer weiter westlich, mitten im Nichts, steht der Hackberry Store, der von zwei Brüdern betrieben wird und – mindestens für mich – das Wesen der Route 66 perfekt verkörpert. Ich habe mir eine Häagen Dazs Glace gekauft, mich auf einen der Holzstühle vor dem Store gesetzt und mir vorgestellt, ich wäre einer der Cowboys, die in „Once Upon A Time In The West“ (Spiel mir das Lied vom Tod) in der Anfangsszene am Bahnhof sitzen und kauend auf die Ankunft des nächsten Zuges warten.



Kurz vor Sonnenuntergang kam ich in der kleinen Ortschaft Valentine vorbei. Am Valentinstag in Valentine Halt machen; das ist Timing…

Übernachtet habe ich in Laughlin, Nevada. Laughlin, meint mein Lonely Planet, sei das „Poor Man’s Vegas“; eine Stadt gespickt mit Casinos, Kneipen und Hotels, nur eben nicht ganz so glamourös und pompös wie Vegas. Ob die Gambler hier alle poor sind, weiss ich nicht. Was sie aber mit Sicherheit sind, ist old. Ich habe praktisch niemanden unterhalb der Pensionsalter-Grenze gesehen. Und all die hustenden, übergewichtigen Menschen, die ihre gesparten Cents in die Slot Maschinen schmissen und grinsend auf die leuchtenden Knöpfe einhackten, waren mir sehr suspekt. Ich habe mich in Joe’s Crab Shack geflüchtet und mir zwei Krabben bestellt. Ich wusste nicht so recht, was ich mit dem Nussknacker und dem gelben Plastik-Stängeli anfangen sollte, das man mir zusammen mit den Krabben vor die Nase stellte. Die Krabben habe ich von Hand gegessen, und das gelbe Stängeli gestohlen (muss man ja, bei der Aufschrift…). Geschlafen habe ich in einem riesigen Zimmer hoch oben über den leuchtenden Casino-Reklamen im Tropicana Express. Das Zimmer hat praktisch gleich viel gekostet wie mein Bett im Hostel in Flagstaff. Geschlafen habe ich aber mindestens doppelt so gut…

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2 Antworten zu Day One

  1. Ursula schreibt:

    Hoi Samuel
    für eine Kamel gehe ich meilenweit….. Samuel like: mit dem Subaru fahre ich meilenweit.
    Vermisse die Cowboy Stiefelund den Colt, aber was nicht ist, kann noch werden.
    Liebe Grüsse
    Ursula

  2. Christa Michel schreibt:

    Sali Samuel

    Das Foto von dir vor dem Hackberry-Store gefällt mir besonders gut. Fehlt nur nur ein lässiger Hut, schöne Stiefel und naütrlich eine „Marlboro“. Aber ich denke, das Gefühl von Freiheit und Abenteuer hast du auch ohne Zigarette. Ich wünsche dir auf den weiten Strassen von Amerika viel Glück und tolle Erlebnisse.

    Liebe Grüsse
    Chrigi

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