s’Vierehalbtuusigmeterbrättli

Vielleicht gings euch ja bei eurem ersten Sprung vom Dreimeterbrett im Schwimmbad ähnlich wie mir. Ich, jedenfalls, hatte höllische Angst, mich vom Betonturm in der Villmerger Badi hinunter ins kalte Nass zu stürzen, trotz Pa, der mir von unten her ermunternd zurief. Ich war ein Schisshaas, was Sprungtürme anbelangt. Und trotzdem, seit einiger Zeit wächst in mir die Faszination für grosse Höhen. Am Abgrund des Grand Canyons zu stehen, am Horseshoe Bend rumzuhüpfen oder an der Kante des Yosemite Valleys zu sitzen, das macht mir Freude und stimmt mich irgendwie glücklich. Und so stellte ich mir in letzter Zeit hin und wieder die Frage: wie wäre das wohl, nicht aus 3, sondern aus 3000 Metern Höhe in die Tiefe zu springen? Wie würde sich das anfühlen? Und, würde ich mich das überhaupt getrauen?

Nun, wie sich das anfühlt, kann ich euch leider nicht erzählen. Ich kann euch aber erzählen, wie sich ein Sprung aus 4500 Metern anfühlt. Und ich kann euch sagen: ja, ich habe mich das getraut. Heute Nachmittag, in Haleiwa im nördlichen Oahu, mit Rob, dem Tandemspringer von Pacific Skydiving.

Dass man in Oahu Skydiven kann – als Ergänzung: Skydiven heisst, aus einem Flugzeug springen, den freien Fall geniessen, und dann kurz über dem Boden per Fallschirm abbremsen -, das weiss ich seit meiner Ankunft am Flughafen in Honolulu vor einer Woche. Im Honolulu International Airport hängt ein riesiges Plakat von Pacific Skydiving, auf dem die Organisation für ihren „14’ooo Feet Skydive“ wirbt. Ich habe das gesehen und mich aber nicht länger damit beschäftigt. Bis ich vor zwei Tagen an der North Shore einen solchen Skydiving Sprung vom Boden aus gesehen habe. Und irgendwie dachte ich mir: wieso eigentlich nicht. Ich habe mich im Internet etwas umgelesen, mir Berichte und Kritiken angeschaut und auf Youtube alle möglichen Skydives mitverfolgt. Es hat mich immer mehr gepackt und heute morgen, bei bestem Wetter und guter Laune, bin ich mit meinem Mietwagen ans Dillingham Airfield gefahren, habe im Schatten einer riesigen Palme geparkt und etwa eine Stunde lang zugeschaut, wie die Flugzeuge vom Airfield aus starten, die Menschen rausspringen, und sicher mit dem Fallschirm wieder landen. Der Entscheid ist mir nicht ganz so leicht gefallen, wie das jetzt vielleicht tönt. Ich habe lange gebraucht, bis ich mich dann definitiv von der Idee überzeugen konnte. Ganz alleine, ohne jemanden darüber zu informieren (das hielt ich für die beste Variante) sowas zu machen, ist gar nicht so leicht. Und doch: „Samuel“, hab ich mir gesagt, „Samuel, chom, das machsch etz!“ Ich bin hin zum Hangar von Pacific Skydiving, habe mir ein Ticket gekauft und mich mit einem Mountain Dew in die Sonne gesetzt.

Nach etwa einer Stunde stand unser Flugzeug startbereit. Ich und vier andere Waghalsige wurden von den Tandem-Profis gebrieft, wir machten ein paar Trockenübungen und dann gings los. Während dem Aufstieg mit dem kleinen Propellerflugzeug sahen wir im Meer unter uns mehrere Humpbackwhales, die an der glitzernden Oberfläche auftauchten und mit einem elegantem Fluken-Lüpfer wiederin der Tiefe des Meeres verschwanden. Irgendwie stimmte mich dieser Anblick ruhig und zufrieden. Wale sind faszinierend, und beruhigend. Auch vor einem Skydive. Wir stiegen und stiegen und stiegen. Oahu wurde immer kleiner, und in der Ferne sah man Kauai und Maui (wo ich morgen hinfliege). Es war wunderschön. Und dann öffnete Rob, „mein“ Kameramann, die Tür. Auf 4500 Metern, einfach so. Er lächelte mich an, und mein anderer Rob (der Tandemspringer), stellte mich aufs Brettchen vor der Flugzeugtür, 4500 Meter über dem Boden. Ich schaute hinunter, und wollte sofort wieder ins Flugzeug. Doch die Skydive Profis kennen diese Touristen-Erstlinge und lassen ihnen gar keine Zeit zum Zweifeln. „Ready, Set, Go!“, schrie mir Rob 2 ins Ohr. Und dann fielen wir. Eine ganze Minute lang. Mit bis zu 190 Stundenkilometern. Wir fielen, und es war unglaublich schön. Ein Glücksgefühl, wie ich es nur selten zuvor erlebt habe. Ich genoss das Fallen, und den fantastischen Ausblick auf die unter mir liegende Insel. Rund einen Kilometer über Boden öffnete Rob 2 den Fallschirm, und wir kurvten und glitten langsam dem Dillingham Airfield entgegen. Die Landung war sanft und ich überglücklich und auch ein klein wenig stolz, den Sprung vom Vierehalbtuusigmeterbrättli gewagt zu haben.

Natürlich habe ich dabei auch ein wenig an euch gedacht und mir all die Bilder und das Video, das Rob 1 während meinem Fall gemacht hat, gekauft. Mit dem Videoupload habe ich wiederum etwas Mühe. Deshalb gibts vorerst mal ein paar Skydive-Schnappschüsse. Enjoy!

Trockenübungen mit Rob II vor dem Start…

De entscheidend Momänt, oder besser, de sprengendi Ponkt…

Ond de gheitmer…



… bes de Fallscherm ufgoht ondmer sanft ond zfrede landet…

Zwei Dinge noch:

1) Vor dem Sprung musste ich auf die Waage stehen, damit man mich nicht unter einen zu kleinen Schirm spannen würde. Laut dieser Waage bin ich mitsamt Kleidern und Schuhen noch knapp 89 Kilogramm schwer. Nur so als Tippspiel-Zwischenstand… (Für Nicht-Eingeweihte: an meiner Goodbye Party im Juli 2010 machte ich eine Umfrage, bei der alle Partygäste mein Rückkehr-Gewicht im August 2011 schätzen mussten. Wer am genausten schätzt, wird reich belohnt…). Also, all ihr geschätzten Schätzenden: wenn ihr mir das nicht zugetraut hättet und das Spiel doch noch zu euren Gunsten drehen wollt (denkt daran: es liegen 6 sportliche Monate vor mir), dann macht doch eine Dinner-Donation auf mein Konto, oder so…

2) Auf meinem Weg zum Dillingham Airfield stellte ich das Radio an, um mich zu beruhigen. Auf dem hawaiianischen Klassik-Sender lief ein Special zum Schweizer Pianisten Andreas Häfliger (vielleicht kennt den ja jemand?). Ich fand das irgendwie noch speziell, dass man auf Hawaii ein Special zu einem Schweizer Musiker vorgespielt bekommt. Anyway, Andreas Häfliger hat gemeinsam mit seiner Frau, einer kanadischen Flötistin, ein Werk von Prokofjew gespielt; sehr schön, wenn auch nicht sehr beruhigend.

So, bis in Maui… Bis dahin kann – wer will – sich das undercover Mormonen Video anschauen (unten verlinkt).

Aloha

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Eine Antwort zu s’Vierehalbtuusigmeterbrättli

  1. Ursula schreibt:

    Waaauuu, nicht schlecht 🙂 Herzliche Gratulation zum ersten Skydive!
    Herzliche Grüsse vom sicheren Boden
    Ursula und Stefan

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