Morgan’s Corner

Ich habe ja mal fürs Zürcher Tagblatt als Restaurant-Tester gearbeitet. Auf Kosten der Tamedia gut essen zu gehen und dafür erst noch mit einem fürstlichen Honorar entschädigt zu werden, das ist fast so gut wie mit schnittigen Cabrios in der Gegend rumzukurven und sich das dann im Stundenlohn auszahlen zu lassen. Ja, ich vermisse es, zu arbeiten… (Ich habe zwischendurch auch weniger vergnügliche Jobs auf mich genommen, um dieses Jahr finanzieren zu können. Nicht dass ihr jetzt meint, ich hätte „nie gschaffet“.) Sei’s drum. Seit dieser Restaurant-Testerei achte ich mich beim Auswärts Essen Gehen etwas genauer darauf, wie die Menus daherkommen und wie das Essen schmeckt. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen gebe ich den USA bisher durchwegs schlechte Gastro-Noten. Hier gut essen zu gehen ist schwierig, wenn man nicht bereit ist, ein Vermögen auszugeben. Deshalb war ich besonders gespannt auf die Hole-In-The-Wall-Tour, ein Gourmet-Rundgang durch Honolulu, den der amerikanische Fernsehsender MSNBC als „beste kulinarische Entdeckungstour der Welt“ bezeichnete.

Gestern Morgen holten mich Greg und Sahara von „Hawaii Food Tours“ in ihrem Van vor meinem Hostel ab, und los gings. Gemeinsam mit sechs anderen Gourmet-Touristen tourte ich vier Stunden lang quer durch Honolulu und liess mir von den kulinarischen Spezialisten insgesamt 15 verschiedene hawaiianische Häppchen „auftischen“. Wir machten Halt in Bäckereien, BBQ-Fressbuden, Bars und in verschiedenen Restaurants in Chinatown. Wir besuchten einen chinesischen Frischwaren-Markt, eine Reisnudel-Fabrik und einen portugiesischen Donut-Shop. Die 15 Happen schmeckten ganz gut, und zwischen den Gängen wurden wir von den Tour Guides mit allerlei Insights und Hintergründen gefüttert. Eine Stadtrundfahrt mit (teilweise) erstklassigen Zwöschet-Döre-Snacks; besser hätte der Tag für mich gar nicht starten können.

In Chinatown: in diesem Laden an einer Nebenstrasse habe ich Li Hin entdeckt; ein Gewürz, besser noch als Dill und Muskatnuss!

Eindrücke vom Chinese Market…



Besuch in der Nudelfabrik: nicht nur wegen der unglaublichen Hitze, sondern auch wegen der bösen Chefin ein Horror-Arbeitsort…

Zum Abschluss der Tour fuhren wir durch Obama’s einstiges Wohnviertel. 1) Wohnblock, wo er als Kind einige Jahre gelebt hat, 2) Baskin Robin’s; sein erster Arbeitsort, 3) Lückenfüller mit dem Titel „Individualferien in Waikiki“…

Das eigentliche Tages-Highlight stand mir aber noch bevor. In meinem Lonely Planet Reiseführer bin ich Anfang Woche auf die Oahu Ghosthunters gestossen, die nächtliche Führungen durch verwunschene und spukende Gegenden anbieten. Geisterjäger im Inselparadies: ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte, und sagte mir dann trotzdem „why not“. Joe holte mich nach dem Eindunkeln im Ghosthunter Tourbus vor dem Hostel ab und drückte mir (ich war einer von 13 Tourgästen, huuuuu) einen Ordner mit „Beweismaterial“ in die Hand: Bilder von angeblichen Geistern, Orbsen (Seelen von Verstorbenen) und den hier berüchtigten Night Walkers; hawaiianische Krieger, die nach Meinung der Geisterjäger hier vor hunderten von Jahren lebten und an die zweieinhalb Meter gross waren. Joe war es todernst. Keine Ironie, keine Augenzwinkern, im Gegenteil. Auf dem Weg zu unserem ersten Halt mussten alle Teilnehmenden ein Formular unterschreiben und bestätigen, dass die Ghosthunters keine Verantwortung tragen für allfällige Flüche, mit denen die Teilnehmenden unter Umständen belegt würden. Erster Halt war Morgan’s Corner. Eine Highway-Kurve, an der ein altes Haus steht, in dem in den 60er Jahren jemand ermordet wurde. Seither spukt es hier, die Zahl der Autounfälle ist auffällig hoch und verschiedene Leute sind spurlos verschwunden, sagt man. Ich spürte nichts von all dem Hokuspokus, stellte aber fest, dass ich als 13ter Teilnehmer der Odd-Man-Out war und dass alle anderen den speziellen Vibe des Ortes mehr als nur fühlen konnten. Verschiedene Teilnehmer zückten ihre I-Phones und liessen sich von ihren Radar-Aps anzeigen, ob es in ihrer Umgebung irgendwelche Geister habe. Es war erstaunlich, was da offenbar alles rumschwirrte. Und, Iphone-Aps können sich ja nicht irren.

Joe, der äusserst engagierte Tour-Guide, der uns auf der Fahrt mit allerlei Geistergeschichten und Horror-Stories eindeckte, nahm uns danach mit an einen Lookout, von dem aus man besonders viele „Orbse“ sehen konnte, führte uns über den chinesischen Friedhof, zu einem alten hawaiianischen Tempel und in den Paradise Park, den wir dann aber ohne ihn erkunden mussten. Er wartete im Van, weil die Paradise-Geister seiner Meinung nach persönlich etwas gegen ihn haben und ihm jedesmal schlecht wird, wenn er den Park betritt.

Für mich äusserst unterhaltsam war die Begegnung mit Roy Hollowell. Der Mit-Fünfziger war völlig begeistert von all den „Geschehnissen“ auf der Tour und konnte sich fast nicht mehr halten, als ich ihm eines meiner „Orbs-Fotos“ (wahrscheinlich ein Moskito, der mir ins Blitzlicht flog) zeigte. Er gab mir den Auftrag, ihn hin und wieder zu fotografieren. Er wollte unbedingt wissen, wie seine Aura auf meine Kamera wirkt. Ich machte ihm die Freude und fotografierte ihn, während ich mit meiner Taschenlampe etwas in der Luft rumfuchtelte. Roy sah in den Lichtern über seinem Kopf mehr als nur Taschenlampen-Strahlen. Er ist jetzt überzeigt, eine blaue Aura zu haben. Ganz lustig wurde es, als mir Roy Claire vorstellte und behauptete, sie sei so eine Art Schutzengel. Wenn Claire neben ihm stehe, dann würden sich alle Geister und Auras von ihm fernhalten. Um mir das zu beweisen, musste ich ein Gruppenbild von Roy und Claire schiessen. Auf dem Bild war Roys Aura tatsächlich nicht zu sehen (wahrscheinlich, weil ich diesmal aufs Taschenlampen-Fuchteln verzichtete). Roy war ausser sich und umarmte Claire minutenlang. Schön, wie einfach man gewissen Menschen helfen kann. Als ich Roy dann ein überbelichtetes Selbstportrait zeigte, war für ihn definitiv klar, dass ich „someone relly special“ sei. Roy lud mich ein, ihn heute zu besuchen. Er wollte mir unbedingt eine DVD zeigen, auf der zu sehen sei, wie er am Waikiki Strand sterbe und kurz danach von einem Notfall-Sanitäter wiederbelebt werde. Ich nahm die Einladung dankend an und verzichtete dann aber auf den Besuch. Freiwillig.

Anyway, die Tour war unterhaltsam und sowas wie ein ausführlicher Nachtspaziergang durch den Dschungel des südlichen Oahus. Und, gelernt habe ich auch etwas: 1) Seelen von Verstorbenen sind rund und gepunktet, und 2), es ist anstrengend, sich als einziger Bodenständiger inkognito unter lauter Spinner zu begeben. Besonders, wenn man nicht dafür bezahlt wird.

1) Ein „Orbs“, 2) zwei Mit-Tourende mit I-Phone-Geistersuch-Ap, 3) Roy und – wie er meint – eine Geisterschlange, 4) der Mond, wie vom Blitz getroffen, 5) überbelichtet? oder erleuchtet?, 6) Tour-Guide Joe mit einem Ti-Leave, das er zu unserem Schutz vor bösen Flüchen immer wieder in der Luft rumwedelte…


Um mich von all dem Spuk zu erholen, gönnte ich mir heute einen Natur Tag. Ich wanderte zu den Manoa Falls und ging danach im Hanauma Bay schnorcheln. Die Unterwasserwelt hier ist mit vom Schönsten, das ich auf meiner Reise gesehen habe. Die Fische und Korallen sind zauberhaft. Zudem gibts unter Wasser – glaube ich – keine „Orbse“. Wenn ich dann also doch noch von einem paranormalen Phänomen heimgesucht werde, dann schnorchle ich einfach davon. Gute Idee, oder?

Mein Hike durch den Regenwald zu den Manoa Falls. An alle LOST-Fans: kommt euch der Käfig auf Bild Nr. 9 bekannt vor?



Morgen beginne ich meine viertägige Inselrundfahrt. Ich habe einiges geplant und freue mich riesig. Machts gut in der offenbar schon frühlingshaften Schweiz…

Aloha

Dieser Beitrag wurde unter Ghosthunters, Hawaii, Honolulu veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Morgan’s Corner

  1. Ursula schreibt:

    Aloha
    Orbs, spannend habe noch nie davon gehört….. Die Fotos vom Regenwald sind super.
    Ja, wir geniessen diese Woche das frühlingshafte Wetter mit vielen Orbs; diese kreisförmigen Gebilde machen im Moment meine Kids im Kindi 🙂 sie schneiden sogar Löcher drein und wir hängen sie dann als Schneeflocken auf; so haben wir wenigstens im Kindi ein bisschen Winter.
    Wenn du zurück bist, möchten wir uns gerne anmelden, damit du uns kulinarisch verwöhnen kannst, du hast doch bestimmt gut aufgepasst???
    Liebe Grüsse
    Ursula

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s