Deep Down There

Jimmy Kimmel, einer der 10’000 komödiantischen Meinungsmacher des Landes, hat den heutigen Tag zum offiziellen „unfriend day“ erklärt. Was das heisst, war mir beim ersten Hinhören nicht ganz klar, was an sich schon zeigt, wie anti-modern ich in dieser hochmodernisierten Welt doch vor mich hinvegetiere. Der „unfriend day“ (alle modernen Zeitgenossen können diesen der Begriffserklärung gewidmeten Satz überspringen) soll dazu dienen, auf Facebook all jene Kontakt aus seiner Freundesliste zu k(l)icken (meine erste Heini Stäger’sche Klammer in diesem Blog…), die man eigentlich gar nicht kennt und die weit davon entfernt sind, wirklich mit einem befreundet zu sei. Unfriend your non-friends, schafft digitalen Platz für eure wahren Soulmates. Lieber Jimmy Kimmel: was für ein Blödsinn! Und doch, wahrscheinlich brachte Mr. Kimmel mit seinem Vorschlag auf den Punkt, was viele Menschen hier beschäftigt. Facebook ist allgegenwärtig. Beim Gang durch die Bibliothek checke ich jeweils alle Bildschirme, an denen ich vorbeikomme. Statistisch gesehen surfen etwa 2 von 3 Biblitheksbesuchern auf Facebook, wenn ich an ihnen vorbeispaziere (ich habe das tatsächlich nachgezählt während den letzten Tagen). Nicht, dass mich das stört. Ich bin dann einfach jedesmal froh, nicht dieser digital verblendeten Bande anzugehören, die mit ihrer Zeit nichts mehr anderes anzufangen weiss, als darüber zu schreiben, was sie gerade tun, und Fotos zu taggen, auf denen sie in oft nicht ganz nüchternem Zustand aufgestylt in die Linsen smilen.

Anstatt zu taggen, zu befrienden oder zu chatten bin ich am vergangenen Wochenende gemeinsam mit einer 11-köpfigen Gruppe der NAU Outdoors-Abteilung an die Grenze zum nördlichen Nachbarstaat Utah gereist, um canyoneeren zu gehen. Es war mir selbst nicht ganz bewusst, was Canyoneeren eigentlich ist, als ich am sehr frühen Samstagmorgen in den Van stieg, der uns vorbei an einem wunderbaren Sonnenaufgang rund zwei Stunden nordwärts durch die Wüste karrte. Nach zwei Canyoneering-Tagen würde ich „Canyoneeren“ als eine Art Hardcore-Wandern bezeichnen; wandern mit abseilen, klettern und durch eiskalte Canyon-Seen schwimmen. Eine nicht ganz ungefährliche, aber unglaublich vergnügliche und abenteuerliche Art, die Umgebung zu erkunden. Nur so nebenbei: bald wird der Film „127 hours“ in der Schweiz in die Kinos kommen. Der Film basiert auf der Geschichte eines „Canyoneerers“, der in Utah beim Canyoneeren abstürzte und der sich nach fünf Tagen vergeblichem Warten dazu entschied, seinen eingeklemmten rechten Arm mit seinem Sackmesser zu amputieren, um zu überleben. Dem Mann geht es heute prächtig. Der Film ist allerdings keine gute Einstimmung für jene, die einen Canyoneering-Trip vor sich haben. Die Einstimmung ist etwa so gut, wie wenn man sich „The Shining“ anschauen würde, bevor man für drei Nächte alleine im siebten Stock des Chicagoer HI-Hostels übernachten muss…

Am Samstag canyoneerten wir dem Jackass Creek entlang, der direkt in den Grand Canyon hineinführt. Die Region ist faszinierend. Was als Spaziergang über eine flache Wüstenlandschaft anfängt, führt unerwartet in einen gut 400 Meter tiefen Canyon hinein, den man zu Beginn gar nicht sieht. Ein gewaltiges Grabengewirr hat sich im Laufe der Zeit in diese unwirtliche Wüste hineingefressen. Ein versteckte Welt, von der man nichts ahnt, wenn man wenige hundert Meter daneben auf dem Highway vorbeibraust.

Nachfolgend ein paar Eindrücke aus vom Jackass Creek, aufgenommen mit meiner (und Jacob’s) 6 Dollar-Kodak Fotokamera, die sich als erstaunlich tauglich herausstellte.



Nach einer Nacht auf dem Lee’s Ferry Zeltplatz, in der ich meinen warm-flauschigen Kaikialla Schlafsack neu zu schätzen lernte, nahmen wir am Sonntag den Waterholes Canyon in Angriff. Die Landschaft hat mich sehr an den Antelope Canyon erinnert, mit dem Unterschied, dass wir während dem ganzen Tag keinen einzigen Touristen gesehen haben. Der Waterholes Canyon ist magisch, einsam und „beheimatet“ das längste Echo, das ich je gehört habe.

Auch diese Bilder hat uns die Kodak Kamera geliefert. Als ich mir die Fotos zum ersten Mal anschaute, fragte ich mich, weshalb ich mir eine Kamera gekauft habe, die knapp 1000-mal so viel gekostet hat, wie dieses primitive und eben doch erstaunlich gut funktionierende Kodak Ding. Wahrscheinlich, weil es schöner klirrt, wenn man sie zu Boden fallen lässt. Und weil sie auch etwa 1000-mal schwerer mit sich Rumzuschleiken ist als die Kodak. Und vielleicht auch, weil es eben doch ein paar qualitative Unterschiede gibt zwischen den beiden. Anyway…




E guete „un-friend“-Tag ond gäbed Sorg…

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