100 Tage – Eine Zwischenbilanz

Heute vor 100 Tagen habe ich die Schweiz in Richtung Amerika verlassen. Vor 100 Tagen hat mein amerikanischer Traum begonnen. Seit 100 Tagen tue ich all das, worauf ich mich seit Jahren gefreut habe. 100 Tage weg, 100 Tage hier; es ist Zeit für eine erste Zwischenbilanz.

Doch, wie bilanziert man eigentlich die ersten 100 Tage eines gelebten Traums? Was ist erwähnenswert, was lässt sich in konkrete Zahlen fassen, was interessiert euch überhaupt? Wer wissen möchte, wie nahe ich schon am finanziellen Abgrund stehe, den muss ich enttäuschen. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie es um meine finanzielle Lage steht. Mein faktischer Private Banker (eine nächtliche Umarmung im Zivilschutzbunker kann einem sehr viel mehr einbringen, als man sich das vielleicht denken würde) hat mich bisher immer pünktlich mit Dollars eingedeckt und sich in makellos-perfekter Manier um meinen Konto-Stand und meine Limiten-Überschreitungen gekümmert. Ich selbst habe kein einziges Mal ge-E-bankt / E-ge-Bankt. Finanzielle Sorgen passen nicht in meinen Traum. Also weg damit!

Beginnen wir mit einem generellen Outline: 100 Tage Amerika, das sind 100 Tage Englisch sprechen, 100 Tage mit Kreditkarte bezahlen, 100 Tage von freundlichen Menschen umgeben sein, 100 Tage auf die Linie schauen, 100 Tage immer wieder neue Landschaften und schöne Gegenden erkunden, 100 Tage ohne Sex, (fast) 100 Tage strahlend blauer Himmel, 100 Tage viel Zeit für sich selbst haben, 21 Tage per Zug und Auto quer durch den ganzen Kontinent trippen, 79 Tage in Flagstaff leben, 100 Tage voller Überraschungen, Enttäuschungen und Freuden. 100 Tage, wie man sie eigentlich auch sonst irgendwo hätte erleben können

Was also war speziell an diesen ersten 100 amerikanischen Tagen? Ein Annäherungsversuch mit Superlativen: ich habe nie zuvor etwas Überwältigenders gesehen, als den Grand Canyon bei Sonnenuntergang. Ich habe nie zuvor an einem Tag so viel Geld ausgegeben, wie letzten Freitag. Ich war nie zuvor an einem heisseren Ort als den New Yorker U-Bahn-Schächten. Ich habe nie etwas so Gefährliches gewagt wie den Canyon-Sprung beim Horseshoebend. Ich habe mich nie zuvor so verloren gefühlt wie unmittelbar nach meiner Ankunft am New Yorker JFK Flughafen. Ich habe mich nie zuvor so frei gefühlt wie beim Sprint über die Yosemite Grassteppen gemeinsam mit Arnold, Jacob und Glenn.  Ich habe nie mehr aufs Mal gegessen als in der Chicagoer Pizzeria UNO. Ich war nie zuvor auf einem höheren Gebäude als dem Willis Tower. Ich bin nie zuvor aus höherer Distanz ins Wasser gesprungen als am Lake Powell. Ich bin nie so lange am Stück in einem Auto gesessen wie auf dem Weg zum Yosemite National Park. Ich habe nie eine bessere Museumsausstellung gesehen als jene zur Evolution der Erde im Chicagoer Field Museum. Ich habe nie auf einem kleineren Bett geschlafen als in der New Yorker Jazz on the Park-Jugendherberge. Ich habe nur ganz selten besser gegessen als im „La Rioja“ in Denver. Ich habe nie einen längeren Güterzug gesehen als hier in Flagstaff. Ich war nie zuvor so lange und so weit weg von zuhause.

Wenn ich so überlege, dann kommen mir doch noch ein paar Zahlen in den Sinn. Here you go: in 100 Tagen habe ich 43 von 50 State Quarters (25-Cent Stücke einer Spezial-Edition, die den amerikanischen Staaten gewidmet ist) gesammelt, 1 Auto, 1 Velo, 1 Kamera (mit 4 Objektiven), 2 Hüte, 5 Paar Schuhe und 3 Wecker gekauft, bin 37 Stunden Zug gefahren, habe 3 mal im Zelt übernachtet und 3 Nationalparks besucht (einen davon 3 Mal), bin 1 Mal von einer Highway-Patrouille angehalten worden, habe 1 Mal unabsichtlich by OnStar angerufen und 1 Parkbusse erhalten, war in 4 von 4 Midterm-Ranglisten Klassenbester, habe 8 (von 10) Bücher für die Uni gelesen, 50 Dollar beim Roulette verloren und 6 amerikanische Staaten besucht, bin 23 Jahre alte geworden, habe mir 2 Weltstädte und 2 Kinofilme angeschaut, 6 Mal mein Apartment geputzt, 1132 SMS erhalten und 929 verschickt, bin 1 Mal wegen einem stählernen Stuhl auf meinem Balkon verwarnt worden und 1 Mal auf die Louie Statue geklettert, um mein Velo runterzuholen, habe 40 Blog-Einträge geschrieben, 9 Stunden in Baseball- und Football-Stadien zugebracht und mir in diversen Bars insgesamt 5 Amarettos on the rocks bestellt, in 4 Steakhäusern gegessen und trotzdem geschätzte 5 Kilos abgenommen, habe 1 unmoralisches Angebot erhalten (und freundlich abgelehnt), 1 Mal Justin Timberlake gesehen und 5 Mal bewusst ferngeschaut, habe 2 Runden mit der Magnetbahn um den New Yorker JFK Flughafen gedreht, 5 Autos testgefahren und bin kein einziges Mal bei Mc Donalds oder Burger King eingekehrt.

Soweit meine erste Bilanz. Die nächste folgt in 100 Tagen. Dann bin ich voraussichtlich irgendwo in Texas. Bevor ich die 200-Tage Grenze erreiche, steht aber noch eine ganze Menge an. Am kommenden Wochenende, zum Beispiel, gehe ich mit einer NAU Outdoors-Gruppe für 2 Tage im Norden Arizonas „canyoneeren“ (wandern, klettern, abseilen). Ich freue mich sehr darauf! Mit unserer 11-köpfigen Gruppe werden wir am Samstag den Jackass-Canyon und am Sonntag den Waterholes Canyon erkunden. Mit von Partie ist neben unseren Gruppenführern auch ein Navajo Native, der in der Gegend um die Canyons aufgewachsen ist und uns auf den Erkundungstouren aus der indianischen Geschichte der Region erzählen will. Da uns die Exkursionsleiter davon abgeraten haben, irgendetwas in die Canyons mitzunehmen, das nicht kaputt gehen darf, werde ich meine Kamera schweren Herzens zu Hause lassen. Jacob – der mitkommt – hatte die glorreiche Idee, zwei 6-Dollar Old-School Einweg Kodak Kameras mit je einem 27er Film zu kaufen. Das Ganze dürfte also auch fotografisch sehr abenteuerlich werden…

So long…

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2 Antworten zu 100 Tage – Eine Zwischenbilanz

  1. Ursula schreibt:

    Hoi Samuel
    ab heute sind 4 von den 5 Schumis über dem Teich. Ab heute ist der Nord- und Südamerika Kontinent um 2 Schumis reicher…… Die mal schnell unsere Zahlen.
    Es ist schon unglaublich, was du in den 100 Tagen alles erlebt hast. Meine Erlebnisse…. nun ja, arbeiten und mich mit einer sehr lebhaften Klasse umherschlagen, mal ein Auftritt als Paarazza mit Stefans Band und vorallem Blogs lesen von meinen Gottenkids…. Ich wünsche dir ein spannendes Wochenende und freue mich auf die nächsten Einträge
    Es Grüessli
    Ursula

  2. Lorenz schreibt:

    Ganz grosser Text zu einem banalen Thema. Gratuliere.

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