Do not trust’em!

Während es draussen zum ersten Mal seit ich vor über vier Wochen hier angekommen bin in Strömen regnet, sitze ich in der um diese Zeit recht einsamen Union Hall und hämmere auf meinem Laptop rum. Aus den letzten beiden Rumhämmer-Stunden resultierte ein 5-seitiger Essay mit dem Titel „Till the Bitter End? – The Last Days of the Great Railroad Strike in Buffalo, St. Louis and Indianapolis“. Zum ersten Mal in meiner Uni-Karriere (und damit ist nicht nur die amerikanische gemeint) bin ich über einen Tag vor Abgabetermin am Schluss eines Essays angelangt. How’s that happened, frage ich mich da natürlich. Eine mögliche Antwort hat mit einer eher unnatürlichen Energie-Quelle zu tun; dem „Six Hour Power“-Energy Shot, den ich mir vor eben diesen six hours gegönnt habe. Der Shot deckt stolze 8333 Prozent meines täglichen Vitamin B12-Bedarfs ab, und das bei unglaublichen 0 Kalorien. Auch hier die Frage: how’s that happened? Ich weiss es nicht. Jedenfalls reite ich noch immer auf der Six-Hour-Power-Welle und nutze die verbleibenden 412 Prozent meines täglichen Energiebedarfs, um noch etwas weiter zu Hämmern.

Heute Nachmittag – nach dem ersten Gruppenskype-Gespräch der Menschheitsgeschichte mit Vertretern aus Arizona, Ontario und dem Aargau – habe ich mich auf den Weg zu „Gus Unlimited Cars“ gemacht. Der Gebrauchtwarenhändler liegt an der Route 66, keine 5 Gehminuten von meinem Apartment weg. Auf dem grossen Kiesplatz hinter seinem hübsch angemalten Verkaufshäuschen hat „Gus“ (der eigentlich Eric heisst) an die 50 gebrauchte Autos aufgestellt, die er ab 400 Dollar an den Mann zu bringen versucht. Je weiter nach hinten man auf Gus‘ Parkplatz spaziert, umso gebrauchter scheinen die rumstehenden Gebrauchtwagen und umso verlockender wirken die mit Rotstift auf die Frontscheiben geschmierten Verkaufspreise. Mein Favorit, den ich mir während mehreren Abendspaziergängen aus der Ferne angeschaut habe und der in den vergangenen Tagen meine Reisephantasien stark beflügelt hat, steht auf Gus‘ Parkplatz ungefähr in der Mitte, im 2500-4000 Dollar-Segment. Der Favorit ist ein weisser 1996 Subaru Legacy Outback, dem ich heute auf den Zahn fühlen und ihn durch die hüglige Gegen lenken wollte. Gus, den ich von einem früheren Besuch her schon kannte, empfing mich in Gebrauchtwagen-Händler-Manier äusserst freundlich und aufgestellt und versicherte mir zum wiederholten Mal, dass der Subaru „the best bet below 3000“ sei (der Verkaufspreis ist mit 2995 Dollar leider nur ganz knapp „below 3000“). Ich nahm mir vor meinem heutigen Besuch jedoch fest vor (genau wie Gus ja auch), den Schauspieler rauszuhängen und mich nicht von blumigen Formulierungen rund um dröhnende Motoren beeindrucken zu lassen. Mit Sonnenbrille, Denim-Jeans und einem Paar Plastik-Handschuhen aus meiner Reise-Apotheke ausgerüstet beugte ich mich unter Gus‘ verwundertem Blick über die offene Motorhaube und begann mit meiner LED-Taschenlampe jedes der einzelnen Teile (dieser Begriff trifft es ziemlich genau, denn ich hatte bei keinem der „Teile“ auch nur die leiseste Ahnung, worum es sich eigentlich handelt) abzuleuchten und kritisch zu betatschen. Mit Öle’s 10-Punkte-Liste im Hinterkopf schraubte ich alle möglichen Deckel auf, roch an Behältern, hämmerte mit der Taschenlampe auf Röhren rum und gab ab und zu murmelnde Geräusche von mir. Gus – so schien mir – war beeindruckt und wurde plötzlich sehr schweigsam. Als ich mich dann auf den Rücken legte und unter den Subaru kroch, begann er mir von einigen Dingen zu erzählen, die man dann „eventually“ mal reparieren müsste, „just in case“. Ich kroch wieder unter dem Subaru hervor und fragte Gus – nicht ohne einen gewissen inneren Stolz – ob er etwas dagegen hätte, wenn ich das Auto von einem Fachmann prüfen liesse. Ich hätte nämlich keine Ahnung von Gebrauchtwagen.

Nächste Station meines kleinen Ausfluges war „MIDAS“, ein Automech der oberen Preisklasse, wie ich im Nachhinein erfahren habe. So eine Art Sämi Burkart der Flagstaffer Auto-Szene. Sandy, einer der Automechs bei „MIDAS“, checkte den Subaru während 40 Minuten gründlich durch und kam mit einem für mich etwas enttäuschenden Ergebnis ins Wartezimmer der Werkstatt, wo ich in einem Reisemagazin einen Artikel über das Reiseland Schweiz las. „If u wana keep that thing running for ur whole roadtrip, u gotta put some grand in it.“ Wieviel grand? Zwei. Im Klartext: der Subaru wirkt von aussen toll, lässt sich – wie ich nach der Testfahrt fand – sehr angenehm fahren, hat aber in seiner 160’000 Meilen langen Geschichte wahrscheinlich eben doch nicht nur sonnige Stunden durchlebt. Sandy wollte wissen, wem ich das Auto denn abkaufen möchte. Gus, sagte ich. „Oh, do not trust’em, bro!“, so Sandy’s nicht eben aufheiternder Kommentar. Vorsicht sei geboten bei diesen Händlern. Die würden tief in die Trickkiste greifen für ein paar Scheine.

Mit dem „MIDAS“-Verdikt (das ich mir schriftlich geben liess) in der Tasche fuhr ich zurück zu Gus und schaute auf einen Kaffee im schön angemalten Verkaufshäuschen vorbei. Anstatt die 2900 Dollar legte ich das „MIDAS“-Couvert auf den Tisch, sehr zum Unbehagen von Gus. Ich schaute ihn ernst an und sagte, dass es immer gut sei, ein Auto vor dem Kauf gründlich durchchecken zu lassen. „I go 600 down, get you the license and you drive out of here“, sprudelte es aus Gus heraus. 600 down, dann wären wir also bei 2395 Dollar. Plus die 2 grand, die mir Sandy für die Reparatur abknöpfen will. Das macht dann knapp 4400 Dollar. Zu viel für mein Budget. „They want me to put two grand in it“, gab ich Gus zur Antwort. Und jetzt ratet mal, welch weisen Ratschlag er darauf für mich bereithielt… Genau: „Two grand? Oh boy, do not trust’em!“

Ich ging dann, nach dem Kaffee, zu Fuss. Ich sitze in der klassischen Auto-Falle. Soll ich, oder soll ich nicht? Zur Abwechslung habe ich für morgen Nachmittag eine Testfahrt mit einem anderen Subaru Legacy Outback gebucht. Ein 2000er, für 3500 Dollar, von einem offiziellen Subaru-Händler. Allerdings hat der nochmals 40’000 Meilen mehr „Erfahrung“ (das Wort macht in diesem Zusammenhang erst richtig Sinn) als der 1996er von Gus. Das ist dann schon fast ein bisschen viel Erfahrung, nicht? Aber eben, mal schauen. Vielleicht gibt mir Sandy für dieses Exemplar grünes Licht. Und wenn nicht, dann warte ich, bis ich am kommenden Sonntag mit all meinen Tausendern von Las Vegas zurückkomme und kaufe mir bei Tyrell & Marxen einen der wunderschönen Oldtimer. Da ist mir die Erfahrung dann zemmlech gliiich.

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2 Antworten zu Do not trust’em!

  1. Ursula schreibt:

    Auch von Küssnacht am Rigi die besten Wünsche zum Geburtstag! Hebs guet!
    Liebe Grüsse
    Ursula und Stefan

  2. Werner Schoop schreibt:

    Lieber Samuel

    eigentlich sende ich Dir nicht einen Kommentar zu deinem Text – den muss ich nämlich zuerst noch lesen – sondern herzliche Gratulationen zu deinem Geburtstag.

    Liebe Grüsse aus dem heimischen Freiamt!

    Werner

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