Hostel of the Brokies

Denver, „The Mile High City“, für mich vorerst nur eine Zwischenstation auf meinem Weg in die Rocky Mountains. Was mir als erstes auffiel: man kommt – im Gegensatz zu New York und Chicago – oberirdisch an, wenn man mit dem Zug reist. Das trägt zum positiven ersten Eindruck bei. Der strahlend blaue Himmel (in Denver scheint an über 300 Tagen im Jahr die Sonne) und die spürbar kühleren Temperaturen förderten meine Stimmung zusätzlich. Zu kämpfen hatte ich einzig mit dem in den letzten Tagen merklich angewachsenen Gepäck. Ob man mich nun als Gepäck-Lusche oder Schleik-Sissi bezeichnen will… nun ja, vielleicht. Tatsache aber ist, dass ich die rund drei Kilometer bis zu meinem Hostel wohl nicht ohne grössere Schwierigkeiten geschafft hätte. Ich nahm den Bus, und irgendwann in den Outskirts von Denver fragte ich den Chauffeur, wann denn die Race Street käme. Die hätten wir vor etwa 10 Minuten passiert, meinte der Fahrer, und war so freundlich, mir ein Rückfahrt-Ticket back to the City zu schenken. Einmal mehr war ich überrascht ab der allgegenwärtigen Freundlichkeit der Menschen in diesem Land, die stets sehr hilfsbereit und auskunftsfreudig sind.

Zurück an der Race Street nahm ich schleikend den Weg zur Nummer 1717 unter die Füsse und landete vor einem etwas zerfallenen, nicht gerade einladend wirkenden Gebäude. Ich trat ein, fand das Office und klopfte vergeblich an. Ein handgeschriebener Zettel an der Wand gegenüber wies darauf hin, dass die Office Hours am Sonntag erst um 10 Uhr beginnen würden. Ich wartete auf der Veranda. Die beiden Polstersessel waren zerschlissen, auf der Treppe lag ein Tierknochen, um den sich Scharen von Ameisen versammelt hatten. Als um halb elf noch immer niemand da war (auch kein Gast), rief ich die Notfallnummer an. Darren, der Rastafari, der als Hausangestellter im Hostel of the Rockies arbeitet, kam darauf im Pyjama die Treppe runter und begrüsste mich den Umständen entsprechend recht freundlich. Mein Zimmer werde gerade hergerichtet, versicherte er mir, und verschwand im oberen Stock. Erneutes Warten auf der Knochen-Veranda. Neben mir trat ein zerzauster Mann mit Fischtattoos auf den Unterarmen aus der Eingangstür. Jim, sagte er, und streckte mir die Hand entgegen. Sam, sagte ich, und fragte, ob er schon lange hier sei. „Well, you know, only a couple of weeks“, entgegnete Jim, der mir im Anschluss seine ganze Leidensgeschichte erzählte. Einst Restaurantbesitzer, dann kam die Krise, er geht Konkurs, seine Frau lässt ihn sitzen, die beiden Söhne beginnen, Marijuana zu verkaufen. Jim erzählt von seinen Fishing Trips durch die Staaten, interessiert sich für meine Reisepläne, versucht verzweifelt, einen seiner Söhne zu erreichen, weil er für mich eine Fischfangtour auf dem Colorado River organisieren will. Niemand nimmt den Hörer ab, Jim kommen die Tränen. Auftritt Darren: mein Zimmer sei gemacht, ob ich es anschauen möchte. Ja, sage ich, und folge ihm in den oberen Stock. Das Zimmer ist staubig, das Bett aber frisch gemacht und sogar ein paar Badetücher liegen neben den Kissen bereit. Ich bedanke mich und folge ihm ins Office. Mit dabei habe ich meine Reservationsbestätigung, zur Sicherheit, damit man mir nicht mehr verrechnet, als ich noch zu zahlen habe. Darren setzt sich an den Computer. „Thirty dollars for you, ok?“ Ich schaue auf mein Reservationsbestätigung. 53.60 steht da. „Sure“, sage ich und zahle in Bar.

Zu meiner eigenen Aufheiterung spazierte ich in Richtung Downtown. Auf dem Prospekt, den ich mir aus dem Office mitgenommen habe, steht (ohne Witz!), Denver habe den 4. „walkable downtown“ der Staaten (cf. „Riesig“). Der Spaziergang führte vorbei an etwas kitschig aufgemachten Saloons, Mexican Grills und einigen Autoreparatur-Werkstätten. Downtown Denver ist vor allem auf der 16th Street Mall, einer freundlich hergerichteten Einkaufsstrasse, interessant. Die Strasse ist autofrei. Es verkehren jedoch Hybridbusse, die einen gratis die Mall rauf und runter fahren. Auf dem breiten Trassee in der Mitte der Strasse stehen in regelmässigen Abständen farbig bemalte Klaviere, an denen sich jedermann hinsetzen und eine wenig klimpern kann. Es hat zahlreiche Strassenkünstler, Schachtische, Springbrunnen und Pferdekutschen. Die Shops entlang der 16th Street Mall sind ein spannender Mix aus teuren Boutiquen, Wild West-Souvenirshops und einer ganzen Reihe von 24/7-Läden. Dazu gehören etwa Walgreens, 711, douane reade oder CVS, in denen man alles zum Überleben Nötige findet. Etwas speziell: im CVS bekommt man verschiedene Arzneimittel, darunter auch Antibiotika, rezeptfrei. Ich kaufte mir in einer Walgreens Filiale eine Stirnlampe (danke für den Tipp, Annina…) und einen Wecker.

Zurück im Hostel war einiges los. Zu Jim, der sich wieder erholte hatte und einigermassen zufrieden auf der Knochenveranda sass, hatten sich mehrer andere Gäste gesellt. Josh, ein etwa 50-jähriger ehemaliger Grocery-Store-Manager. Er telefonierte andauernd mit verschiedenen Leuten, offenbar sehr bemüht darum, den Einstieg ins Berufsleben bald wieder zu finden. Ein arbeitsloser deutscher Koch, um die 30, dem es zu Hause in Würzburg „einfach immer sofort langweilig wurde“ und der seit sechs Jahren erfolglos versucht, in den Staaten beruflich Fuss zu fassen. Ein Nepalese und ein Italiener, die beide kein Wort sagten, aber offenbar auch auf Jobsuche sind. Chaled, ein edel gekleideter Marokkaner, der sich irgendwann mal freundlich verabschiedete und mit dem Velo davon fuhr. Pierro, der aus San Diego nach Denver kam und sein Leid während der letzten Monate für jedermann ersichtlich wegzufressen versuchte, fing sofort nach Chaleds Abfahrt an, über ihn zu schimpfen, weil Chaled sich offenbar erfolgreich für einen Job in einem Handyshop bewarb, den Pierro auch gerne gehabt hätte. Zu guter letzt gesellte sich auch Darren zu unserer illustren Runde. Mit dabei hatte er eine Waage. Es ging darum, eine Rangliste nach Gewicht aufzustellen. Ein klares Anzeichen dafür, wie erdrückend die Langeweile und Trostlosigkeit des Hostels of the Rockies mit der Zeit werden kann. Darren, der knapp 180 misst, wog 210 Pounds (ein Pound ist etwas mehr als 400 Gramm). Er erklärte ausführlich und im vollen Ernst, dass man seine Penisgrösse in die Berechnung mit einbeziehen müsse und dass man ihn nicht einfach so als fett abstempfeln dürfe. Pierro verweigerte den Gang auf die Waage, da das ganze kindisch sei. Ich wiege laut der Hostel Waage 204 Pounds. Und, in amerikanischen Massen ausgedrückt bin ich nach dem Hostel-Massstab 6 feet und 5 inches gross.

Denver bleibt mir als sehr speziell in Erinnerung. Auf der einen Seite der freundliche Downtown und das tolle Restaurant („Rioja“, in dem ich auf einen Tipp von Jim hin zu Abend ass), auf der anderen Seite das Horrorhaus-Hostel und die vielen Arbeitslosen, die vor sich hinvegetierend am Rande der Stadt auf der Knochenveranda sassen und nicht so recht wussten, was sie mit all ihrer Zeit anfangen sollten. Aber, auch das ist Amerika, und auch dieses Amerika möchte ich in der kommenden Zeit kennen und verstehen lernen.

Zu den Six Pix: 1) Der Wilde Westen kündet sich an, auch in Form von Plastikkühen, 2) die 16th Street Mall, 3) Morgan, der sein Geld mit gesprayten Kunstwerken macht, 4) & 5) das Hostel of the Rockies, 6) die 16th Street Mall by Night.

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