Friendly Windy City

Von Elvis, Ray Charles und Clueso besungen, von Dicky Dick Dickens geliebt und durch Obama in jüngster Zeit wieder in den Fokus des nationalen Polit-Interesses gerückt: Chicago hat es offenbar in sich. Als ich vor der Union Station auf Bus 126 Richtung meinem Hostel wartete, habe ich mir versucht vorzustellen, was das wohl sein könnte und wie es dazu kommt, dass die „Second City“ in all meinen Reiseführern als Geheimtipp gehandelt wird. Nach zwei Tagen hier bin ich mir sicher, dass die Freundlichkeit der Chicagoer viel zum guten Ruf der Stadt beiträgt. Angefangen beim Banhof-Chärri-Fahrer, den ich nach ca. 30 Minuten Wartezeit an der Haltestelle fragte, ob ich denn hier richtig sei für Bus Nummer 126 und der mir danach half, mein Gepäck an die Bushaltestelle um die Ecke zu schleppen. Der Busfahrer des 126ers hielt extra für mich vor dem Hostel an, obwohl die Haltestelle erst rund 100 Meter weiter vorne angeschrieben stand. Ein positiver Einstieg in mein Reiseziel Nummer 2.

Da mein Bett noch nicht gemacht war, staute ich meine Rucksäcke in einen der Locker und machte mich mehr oder weniger blindlings auf in die Stadt. Die Corner Bakery mit ihrem Kaffee-Refill-System (das Refill-Prinzip ist hier offenbar Standard. Man bezahlt einmal, füllt sich danach aber beliebig viele Male nach) kam mir bei meiner Lektüre der Reiseführer sehr entgegen. Ich entschied mich, mit einer Fluss- und Seerundfahrt der Wendella Sightseeing Company zu beginnen und genoss die äusserst spannende, knapp 2-stündige Fahrt auf dem Chicago River durch die architektonisch beeindruckende Innenstadt und hinaus auf den Michigan See, von wo aus man die Skyline in ihrer ganzen enormen Breite betrachten kann. Den Sonnenuntergang gönnte ich mir von der in gut 350 Metern Höhe liegenden Plattform auf dem John Hancock Tower.

Das kulinarische Wahrzeichen der Stadt ist die Deep Dish Pizza; ein sehr dickes, aus Mürbteig und dutzenden von frischen Zutaten zubereitetes, pizza-artiges Gebäck. Die knapp einstündige Wartezeit in der Pizzeria Uno, in der die Deep Dish-Variant 1943 „erfunden“ wurde (worauf man heute noch sehr stolz ist), konnte mich nicht abschrecken. Ich liess mich auf der Liste eintragen und bestellte schon einmal vor: eine „Small Uno“. Small ist die zweitkleinste von vier angebotenen Grössen. Trotzdem überraschte meine Bestellung das Kellnerinnenteam sichtlich. Sie erklärten mir, dass noch niemand hier alleine eine „Small“ gegessen habe und dass ich als Einzelperson mit der „Individual“ (die kleinste Variante) mehr als genug kriegen würde. Ich meinerseits erklärte den Damen, dass ich Hunger hätte und mit einer „Small“ schon klar kommen würde. Da man mir nicht glauben wollte, schlug mir Christa, die Chefkellnerin, eine Wette vor: ein Gratis-Bier, wenn ich aufesse. Ich hatte also Gelegenheit, gleich in zweifacher Hinsicht Geschichte zu schreiben. Einerseits als erster Pizzeria Uno Besucher (mindestens, wenn das Gedächtnis des Servierpersonals als Massstab genommen wird) eine ganze „Small Uno“ alleine zu essen, und andererseits das erste Bier meines Lebens zu trinken. Als angehender Historiker liegt mir natürlich viel an der Geschichte, und wenn ich sie selbst schreiben kann, dann pack ich die Gelegenheit beim Schopf und esse auf! Eigentlich hatte ich zu keinem Zeitpunkt Mühe mit dem kulinarisch äusserst begeisternden Task. Und mein erstes Bier seit 22 Jahren, das mir dann tatsächlich von Christa spendiert wurde, schmeckte auch nicht schlecht. Die fünf Norwegerinnen am Nebentisch waren übrigens auch beeindruckt von meinen Esskünsten und wollten mich zu einem weiteren Bier einladen. Ich lehnte dankend ab und spazierte nach Hause. Schliesslich soll man es nicht übertreiben.

Das Dessert gab es dann im H.I. Hostel (offenbar das grösste Hostel Nordamerikas): da mein Bett im 8er-Schlag noch immer nicht gemacht war, ging ich an die Rezeption, um mich freundlich zu beschweren. Matt, der Nachtdienstler, entschuldigte sich ausführlich und bot mir an, stattdessen in die Suite im 7. Stock zu ziehen; ohne Aufpreis und für meine gesamte Besuchszeit. Da wohne ich nun seit gestern Abend; vier Zimmer plus ein grosses Bad für mich alleine. Genau genommen bin ich sowieso alleine auf dem 7. Stock. Etwas unheimlich zwar, aber doch irgendwie ein tolles Preis/Leistungs-Verhältnis.

Geweckt wurde ich heute morgen von der US Army, die in ihren Kampffliegern in schönen Formationen über Chicago umherschwirrte. Nach dem Zmorge-Kaffee im kubanischen Restaurant auf der gegenüberliegenden Strassenseite spazierte ich durch den Grant-Park und freute mich auf das Field Museum. Die naturhistorisch geprägten Ausstellungen im grössten Stadtmuseum waren ein absoluter Hit. Als Kind wäre ich gebannt vor dem Tyrannosaurus Rex Skelett in der Eingangshalle gestanden (ein zu über 90 Prozent komplettes Skelett, weltweit einzigartig), wäre den lebensgrossen Mammuts auf den Rücken geklettert und hätte mich als Indianer verkleiden lassen. Als Beinahe-Erwachsener versank ich in die Welt des alten Ägypten und spazierte durch Nachbauten von Pharaonengräbern, schaute mir an, was die Chicagoer zum Climate Change zu sagen haben, besuchte die geniale Ausstellung über die Evolutionstheorie (Balsam für meine darwinistische Seele in einem – mindestens vom Hören-Sagen her – ultra-kreationistischen Land), schlenderte durch die Welt der Käfer und informierte mich über das politische System im Senegal.

Nach dem Field Museum zog es mich ins Museum of Contemporary Photography, das eine Ausstellung mit Bildern von John Baldessari, über den ich irgendwann mal irgendwo irgendwas gelesen hatte, zeigte. Meine Erkenntnis dabei: ich sollte häufiger solche Ausstellungen besuchen. Sie regen mich zum Nachdenken an und bieten allgemein sehr viel Denkstoff. Die zweite Erkenntnis: man fühlt sich als Solo-Reisender wohl nirgendwo einsamer als in Kunstgalerien. Es war ein ungutes Gefühl, all die Gedanken, Interpretationen und Überlegungen für mich behalten zu müssen und mit niemandem teilen zu können.

Nach all der Kultur kaufte ich mir in Filene’s Basement endlich die lange schon versprochenen Jogging-Schuhe. Sie sitzen perfekt und warten darauf, eingelaufen zu werden. In Ghiradelli’s, der selbsternannt besten Schokoladen-Fabrik der USA, gönnte ich mir einen kleinen Sundae. Nach dem Ghiradelli’s-Besuch lässt sich ruhig sagen: was die Schoggi anbelangt, sind wir Schweizer den Amerikanern um mindestens eine Tafellänge voraus. Nicht, dass es mich stolz machen würde. Aber irgendwie bietet der Satz einen guten Artikel-Abschluss, oder nicht?

Zu den Six Pix: 1) & 2) Chicagos Innenstadt vom Chicago River aus betrachtet, 3) die Brücken der „El“ (evated, die Luftlinien-Metro), 4) die Skyline vom Lake Michigan aus gesehen, 5) das zweifach historische Uno-Foto, 6) eine bröckelnde Fassade im schummrigen South Loop.

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2 Antworten zu Friendly Windy City

  1. Gabi schreibt:

    Hallo Samuel,

    was die Schokolade betrifft, muss ich Dir auf jeden Fall Recht geben! 😉

    lg Gabi

  2. BARBI schreibt:

    hy samuel. deine reiseberichte lesen sich super spannend an. ich fühl mich schon fast unterwegs mit dir. freue mich auf mehr und bin gespannt, was du noch alles erleben wirst. auf jeden fall wüschen ich dir viel glück auf dieser grossen reise. pass gut auf dich auf und geniesse die tage, wochen und monate.
    es „herbschtelet“. nass, kalt und schon recht dunkel am morgen – irgendwie bekomme ich auch fernweh !!!
    liebe gruess us lozärn BARBI

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